Für eine Nacht in Handschellen

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Nach grellem Straßengewerbe muss man in Schweden lange suchen. Foto: pexels.com

Ok, an alle Internetsurfer mit Hormonstau, die mit den Suchbegriffen „Göteborg“ und „Rotlichtviertel“ auf meine Seite googlen: Freut mich, euch zu enttäuschen! Denn Göteborg hat kein Rotlichtviertel. Ihr landet bislang mit eurer Suche nur deshalb hier, weil ich ein rotplüschiges Restaurant namens „puta madre“ beschrieben habe. Künftig, so hoffe ich, lest ihr direkt hier weiter, wo es um das schwedische Sexkauf-Gesetz („sexköpslagen“) geht. Es verbietet nämlich schlicht den Kauf sexueller Dienste und hat es somit direkt auf Euch abgesehen. Potenzielle Puffbesucher sind nämlich NICHT willkommen in Schweden!

Schweden war eines der ersten Länder, das die Gesetzgebung rund um das älteste Gewerbe der Welt von der anderen Seite aufzog: Um die Probleme rund um die Prostitution einzudämmen, wird hier der „Kunde“ kriminalisert. Wer den Körper eines anderen gegen Bezahlung für das eigene Vergnügen ausnutzt, macht sich strafbar und kann mit mindestens Geldbuße bis höchstens einem Jahr Gefängnis rechnen. In Schweden begnügte man sich also nicht damit, die Zuhälterei sowie ausgewiesene Bordelle zu verbieten. Man ging einen Schritt weiter und ächtete den eigentlichen Kauf sexueller Dienste. Seit 1999 ist das „Sexkauf-Gesetz“ in Kraft und findet heute breite Zustimmung.

Die Ideologie dahinter ist klar: Der Sexkäufer wird als derjenige gesehen, der die/den Prostituierte als Ware betrachtet. In einer gleichberechtigten Gesellschaft aber soll niemand den Körper eines anderen kaufen können. Ein hehres Ziel, das die Nachfrage merklich mindern, den Einstieg erschweren und zugleich den Ausstieg aus dem Gewerbe erleichtern soll. Auch, weil ein Mensch als Prostituierte/r nur verlieren kann: physisch, psychisch und sozial.

Wo andere Länder auf eine Emanzipation der Sexarbeiter setzen – mit Ideen rund um berufliche Selbstbestimmung, Sozialversicherung und Tariflöhnen – wird hier davon ausgegangen, dass die/der Prostutierte immer Opfer ist und durch ihren „Beruf“ Schaden nimmt. Die Sichtweise erscheint vielen neu und spaltet sogar Menschenrechtsorganisationen: Ist es ein Menschenrecht, seinen „Beruf“ frei auszuüben, und sei es auf der Straße? Oder muss man alles versuchen, um Menschen vor Prostitution und Menschenhandel zu schützen?

Der Mythos von der fröhlichen, selbstbestimmten Hure mag fortleben, aber mal im Ernst: Kein junges Mädchen wacht heute auf und denkt sich: Oh ja, mein Traum ist es, auf den Strich zu gehen! Trotzdem tun es manche, zumeist aus tragischen Gründen und Zwängen heraus.

Es stimmt: Mit dem Sexkauf-Verbot in Schweden wird die Prostitution in dunkle Ecken und ins Internet verdrängt. Aber viel dunkler und schäbiger als im Love-Mobil am Waldesrand – so wie in Deutschland völlig legitim – kann es dadurch wohl kaum werden… Zugleich ist die Schwelle höher, auf diese Weise an Geld zu kommen und stattdessen andere Hilfen anzunehmen. Für bereits im Gewerbe arbeitende Frauen gibt es natürlich auch in Schweden Anlaufstellen und Ausstiegshilfen.

Göteborg hat also kein Rotlichtviertel, obwohl es eine Hafenstadt ist. Und wer zu eifrig danach sucht, kann ganz bestimmt eine Nacht in Handschellen verbringen, – wenn auch nicht so, wie zunächst gedacht.

Göteborg: Hafenstadt ohne rote Laterne.

Göteborg: Hafenstadt ohne rote Laterne.

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