Volk mit Vorliebe für schmale Ski

Vorläufer testen den steilen Anstieg; Zuschauer machen's sich gemütlich.

Vorläufer testen den steilen Anstieg; Zuschauer machen’s sich gemütlich.

Es ist soweit: Schwedens EInwohnerzahl hat die magische Marke von 10 Millionen erreicht. Ist das viel oder immer noch wenig für ein Land, das flächenmäßig das viertgrößte in Europa ist. Bei einer Bevölkerungsdichte von nur 22 Menschen pro Quadratkilometer (Deutschland hat 230) ?

Schwer zu sagen… Aber wenn man 0,5 Prozent aller Schweden auf einem Haufen hat, erscheint es einem schon ungeheuer viel! So war es am dritten Wochenende im Januar, als sich 50.000 in wintersportlicher Begeisterung zum Ski-Langlauf-Weltcup in Ulricehamn versammelten. Der kleine Ort zwischen Borås und Jönköping hat wohl noch nie soviele Besucher empfangen. Aber als „südlichster Austragungsort Schwedens“ für einen Cross-Country-Weltcup machte der Ort mit seiner Ski-Anlage Lassalyckan eine richtig gute Figur.

Das lag natürlich auch an den Zuschauern, die sich längs der verschnörkelten Loipe drängten und die wetteifernden Ski-Läufer aus aller Welt anfeuerten. Wo es in Toblach die Woche zuvor gerade mal 150 Zuschauer zum Weltcup schafften, strahlte das „kleine Land Schweden“ als größte Supporter-Nation. Tatsächlich hat der Ski-Langlauf hier noch einen richtig hohen Stellenwert, der durch die Konkurrenz zum Nachbarland Norwegen zusätzlich befeuert wird.

Als Veranstalter braucht sich Ulricehamn vor dem berühmten Holmenkollen jetzt nicht mehr zu verstecken. Aber bei den teilnehmenden Sportlern sind die Kräfte leider klar verteilt: Norwegische Läufer dominieren weiterhin die Loipe, obwohl auch Schweden „große Namen“ ins Rennen schickte. Wenn sich zwei streiten, freut sich bekanntlich der Dritte, und so gewann bei den Männern am Ende ein Kanadier (=> Ergebnisse). In der Staffel konnten sich sogar die deutschen Frauen vor Schweden eine Silbermedaille holen, aber das lief hierzulande wohl unter der Rubrik „Anfängerglück“… 😉

Ski-Begeisterung mit Schweden-Flagge und Kuhglocken.

Ski-Begeisterung mit Schweden-Flagge und Kuhglocken.

Wichtig für die meisten der 50.000 Zuschauer war jedenfalls, dass die großen schwedischen Hoffnungen mittendrin statt nur dabei waren: Beide, Charlotte Kalla und Marcus Hellner,  kamen im Individual-Wettkampf auf den dritten Platz! Dabei sind die Schweden so lustig: Patriotismus geht ihnen weitgehend ab, aber beim Sport sind sie stolz auf die Ihren und können von Blau-Gelb nicht genug bekommen. Schwedenfähnchen, Kuhglocken und groß Geschrei – alles kommt in Wallung, wenn die schwedischen Hoffnungen vorbeirauschen. Am Turniersonntag war sogar das schwedische Königspaar unter den Zuschauern und markierte damit die besondere Bedeutung des Events.

Und wir da also mittendrin…! Ski-Langlauf ist eigentlich so ein Sport, den man besser vom Sofa aus sehen sollte. Man kann schlecht gucken, hat keinen Sekundenzähler und muss sich zwischendurch auch noch warm halten. Besser vorbereitet waren die schwedischen Fans, die mit Bollerwagen und Einweg-Grill am Wege lagerten, mit Matten, Decken und Moonboots für die Füße. Manche hatten Campingstühle mit und saßen seit dem Morgen auf den besten Plätzen. Die schwedische Mentalität, möglichst früh aufzutauchen oder geduldig in der Schlange zu stehen, machte sich an diesem Wochenende echt bezahlt.

Nicht so sehr für mich, die mit kontinentalem Laissez-faire zu diesem Festival im Winterwald losgefahren war. Eine Stulle als Proviant war schnell aufgegessen, da hieß es dann Anstehen mit gefühlt 50.000 anderen für eine Wurst im Brötchen. Der Weg vom Parkplatz zur Anlage war so lang wie beim Wacken Open Air, außer dass zusätzlich Busse und Moped-Taxis fuhren – für solche, die nicht so beweglich sind. Insgesamt eine logistische Meisterleistung des 10000-Seelen-Ortes Ulricehamn!

Wir kamen trotzdem einen Ticken zu spät, sodass die Sicht auf die Kunstschnee-Bahn hoffnungslos versperrt war. Am Ende landeten wir dort, wo die Loipe eine lange, steile Steigung nahm: So konnte man von unten sehen, wie die Athletinnen sich abmühten. Und da kamen mir das frühe Aufstehen und der lange Marsch schon gar nicht mehr so schlimm vor.

Beim Wettkampf der Herren waren wir schlauer und nutzten das allgemeine Gewimmel aus, um rechtzeitig einen guten Zuschauerplatz zu ergattern. Statt aufs Dixie-Klo gingen wir in den Wald (sonst hätte man wieder mit 50.000 anderen anstehen müssen), und kürzten auf direkten Wege ab zur Loipe. Hier standen wir dann auf unseren Schaumstoff-Sitzkissen und fühlten doch unsere Füße nicht mehr. Die Ausstattung vieler Schweden mit guter, teurer Funktionskleidung wurde mir einmal mehr neidvoll bewusst…

Aber das machte alles nichts, als die Läufer kamen: Der berüchtigte Martin Sundby mit Rotz im roten Bart, der konzentrierte Marcus Hellner mit seinen typischen Gesichtsausdruck, ein Schweizer in kurzen Ärmeln (!), angestrengte Deutsche, ein australischer Exot und sogar ein Isländer (am Ende auf dem letzten Platz).

„Kommen ein Schwede, ein Deutscher und ein Russe nach Ulricehamn,…“

Für meinen Freund, den Vasaläufer, war das alles aus sportlicher und skitechnischer Sicht hochinteressant. Für mich eher eine Prozession der gepeinigten Superhelden, da ich als Ungeübte ja so großen Respekt vor Ski-Langläufern habe. Denn sie bringen Ausdauer, Kraft und Geschick perfekt in Einklang, – und zeigen einem, wie weit man selbst davon entfernt ist: Ich kann ja froh sein, dass mir das Skifahren bislang nur einen verstauchten Fuß und zwei blaue Zehennägel beschert hat. Auf der kruckeligen Loipe in Ulricehamn würde ich mindestens auf der Bahre davongetragen werden…

Die eigentümliche Vorliebe der Schweden für schmale Skier gibt mir jedenfalls zu denken, zumal sich der Winter hier im Südwesten noch gar nicht richtig eingestellt hat. Es ist und bleibt leider ein Sport, den ich rund 40 Jahre zu spät angefangen habe….

Die offiziellen Siegerfotos: Krista Parmakoski (v.l.n.r.), Marit Björgen, Charlotte Kalla sowie Marcus Hellner, Alex Harvey und Martin Sundby. Fotos: Worldcup Ulricehamn, Emma Ekstrand

Die offiziellen Siegerfotos: Krista Parmakoski (v.l.n.r.), Marit Björgen, Charlotte Kalla sowie Marcus Hellner, Alex Harvey und Martin Sundby. Fotos: Worldcup Ulricehamn, Emma Ekstrand

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