Knut macht Schluss mit Weihnachten

Dass die meisten Schweden sich mit IKEA einrichten, kann ich inzwischen bestätigen. Dass sie aber die Weihnachtsbäume am Knuts-Tag reihenweise aus dem Fenster werfen, hielt ich bislang für eine maßlose Übertreibung seitens des Möbelhauses.

In jeder Lüge und in vielen Werbe-Botschaften stecken ein paar Körnchen Wahrheit. Darum wurde ich jetzt eines Besseren belehrt, als ich zur Plünderung des Weihnachtsbaums („julgransplundring“) zu Schwiegermutter eingeladen wurde. Nach ausgiebigem Abendessen ging es gemeinsam an die geruhsame Abschmück-Arbeit und plötzlich öffnete jemand das Fenster! Was ich nicht wusste: Meine neue Familie wirft seit jeher ihren Weihnachtsbaum aus dem dritten Stock, „damit man nicht zu schleppen braucht und das ganze Treppenhaus zunadelt“.

Bei dem Knut-Ritual machte sich also eine fünfköpfige Schar daran, den Weihnachtsbaum per Schwerkraft zu entsorgen. Naja…, drei waren an Fenster, Baumstamm und Fußhalterung zugange, zwei machten Fotos mit ihren Handys. Schließlich sollte die IKEA-Behauptung verfiziert und für deutsche Leser dokumentiert werden!

2017-01-10-21-12-422017-01-10-21-13-412017-01-10-21-13-47Vergessen wurde in der Hektik zwar, so etwas wie „Baum fääääällt“ nach draußen zu rufen. Aber da das Wetter Januar-typisch gräßlich war, hielt sich vor dem großen Wohnblock ohnehin niemand im Freien auf. Ich machte mir im Stillen Sorgen um die wenigen Chihuahuas aus der Nachbarschaft, zählte aber ganz auf die Erfahrung meiner Verwandtschaft in Sachen Knut.

Aber warum eigentlich „Knut“? Im immerwährenden Namenstagskalender, der in Schweden in fast jedem Haushalt hängt, ist der 13. Januar „Knuts Tag“. Man spricht aber nicht vom 13. Januar, sondern vom 20. Tag („tjugondedag“) – und zwar in der eigentümlichen Zeitrechnung ab Weihnachten. In einer Redensart heißt es, dass Weihnachten am 20. Tag aus dem Haus zieht: „20-dag Knut åker julen ut“!

Die Zeitrechnung ab Weihnachten gilt auch für den Dreikönigstag am 6. Januar, der umgangssprachlich nur 13. Tag („trettondagen“) heißt. Immerhin stehen im Namentagskalender „Kaspar, Melchior und Balthasar“, und somit sind die Heiligen Drei Könige an ihrem Tag ausreichend repräsentiert. Der 6. Januar bzw. der 13. Tag ist arbeitsfreier Feiertag und verlängert für viele die Weihnachtsferien bis weit ins neue Jahr.

Aber zurück zum geplünderten Weihnachtsbaum: Da lag er nun, im Vorgarten auf dem Rasen, – schmucklos und vom Aufprall zerrupft. Die schöne Nordmann-Tanne hatte ihren Dienst getan. Schleppen mussten wir sie trotzdem: Schwiegermutter bat uns, auf dem Weg nach Hause am Kompost-Platz vorbei zu gehen. Dort werden die kommenden Tage alle alten Weihnachtsbäume abgeholt. Von selbst entsorgen sie sich halt doch nicht, – zumindest nicht bei uns in der Stadt.

Link zum => Namenstagskalender in Schweden

=> IKEA-Blog zum Heiligen Knut

Nachtrag: Es konnte nicht zweifelsfrei geklärt werden, wer noch alles Bäume aus dem Fenster wirft (vor allem wo und und zu welcher Tageszeit?). Aber dieses Bild zeigt eine typische Szene in den Tagen „nach Knut“ in unserer Göteborger Straße. 🙂

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6 Gedanken zu “Knut macht Schluss mit Weihnachten

  1. Lustig, dass es das tatsächlich gibt. Hier wirft kein Mensch seinen Baum durchs Fenster. Kennst Du denn außer Deiner neuen Familie noch jemanden, der das macht?

  2. Morgen ist ja erst der 13. – dann werd ich mich mal auf die Straße stellen 😉 Ich dachte ja auch erst, dass keiner Weihnachtsbäume wirft. Aber warum liegen dann im Januar soviele Weihnachtsbäume willkürlich an Bordsteinkanten herum? Fragen über Fragen….

    • Bei uns liegen die fein säuberlich im Hof auf einem Haufen. Und ich bin noch nie Zeuge eines Fenster-Rauswurfs geworden – und ich überblicke hier von meinem Bürofenster einige Häuser.

      • Wo wohnst du denn?
        Das Baum-Werfen ist vielleicht nicht mehr so gängig, weil die Hausverwaltungen jetzt Sammelplätze im Hof haben. Ich habe nun Nachbarn gefragt, die hier schon viel länger wohnen als ich… sie können berichten, dass auch im dicht bewohnten Zentrum (Göteborgs) regelmäßig die Bäume flogen und auf der Straßenseite lagen. Dann hat die Müllabfuhr sie eingesammelt.

      • In Helsingborg. Ich werde auch mal rumfragen. Mein (schwedischer) Freund sagt, er habe noch nie erlebt, dass jemand einen Weihnachtsbaum aus dem Fenster geschmissen hätte. Abgesehen davon, dass seine Familie das in den Siebzigern oder Achtzigern einmal gemacht hat, weil der Baum so groß war, dass sie ihn auch schon über den Balkon in die Wohnung hieven mussten. Die haben aber im ersten Stock gewohnt. Von weiter oben ist so was doch gemeingefährlich.

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