Wer schaut schon nach Norden?

Ankündigung zur TV-Serie

Ankündigung zur TV-Serie „Midnattssol“, aus http://www.svt.se/midnattssol. Foto: Ulrika Malm/ Photo numérique/ SVT

Es stimmt doch, dass Fernsehen bildet. Selbst der Sonntagabend-Krimi! Seit der neuen Kurzserie „Midnattssol“ von Sverige Televion weiß ich um die Existenz der Kväner (oder Kvenen). Sie leben am äußersten Rand Europas, und ihre Anliegen haben wenig Strahlkraft ins übrige Schweden, geschweige denn nach Deutschland hin. Das wird sich ändern, wenn Midnattssol ins Fernsehen kommt: Denn in der Geschichte wird mit spektakulären Morden ein uralter Konflikt ausgetragen: Wer war als Erster dort oben im Norrrland und wer beansprucht mit welchem Recht das Land für sich. Und wie?

Die Sami, die schwedische Bergbauindustrie, Kvenen und Reichsschweden (Schimpfwort „rasse“) : Alle bekommen in dem Film ihr Fett weg. Aber die Kväner im gleichnamigen Interessenverband haben sich jetzt sogar offiziell bei SVT beschwert, weil die Fiktion die Gruppe der Kväner in so schlechtes Licht rückt. Eigentlich kommen in Midnattssol nur drei Kväner-Figuren vor, aber diese betätigen sich als grobschlächtige Wilderer, die vom Gesetz so weit weg sind wie Gällivare von Brüssel. Darum fürchten sie ihre Sami-Nachbarn mehr als die schwedische Polizei, und das macht die Geschichte für den Zuschauer interessant.

Weiß ein Schwedenfan bereits alles über das Sami-Volk, hat er über Kväner / Kvenen noch eine Menge zu lernen. Im deutschen Wikipedia muss man lange nach ihnen suchen, – und die meisten Fakten beziehen sich auf Norwegen ( siehe Artikel in => Norwegenstube). Je nachdem, wo man schaut, gibt es Forschungsaufsätze, Blogs und Abhandlungen mit unterschiedlichen Ansätzen und Ergebnissen. Tatsache ist: Während die Menschen, die sich Kvenen nennen, in Norwegen und Finnland als Minderheit anerkannt sind, steht dies in Schweden noch aus.

Ähnlich wie die Sami beanspruchen die schwedischen Kväner die Rechte einer Ursprungsbevölkerung für sich, aber so einfach ist es damit anscheinend nicht… Denn die Forschung kann nicht eindeutig belegen, dass die Kväner überhaupt eine Volksgruppe sind. Man spricht von Menschen, die in verschiedenen Einwanderungswellen von Finnland „herübergekommen“ sind. Verbunden sind die meisten durch die Sprache (Meänkieli) und durch soziale Gemeinsamkeiten, die historisch gewachsen und beeinflußt sind. Und dies öffnet ein weitgehend unbekanntes Kapitel schwedischer Geschichte.

Sarek Nationalpark. Foto: Anders Ekholm/Folio/ imagebank.sweden.se

Faszinierende Schauplätze wie u.a. der Sarek Nationalpark. Foto: Anders Ekholm/Folio/ imagebank.sweden.se

So deutet vieles darauf hin, dass es durchaus ein „Reich“ names „Kvänland“ gab, – irgendwann zwischen dem Jahr 800 und 1300. Erwähnt werden die Kväner zum Beispiel um das Jahr 1000 durch Adam von Bremen. Da er sie aber im Zusammenhang mit Fabelwesen wie „Menschenfressern“, „Amazonen“ und „Trogloditen“ nennt, liegen diese Quellen eindeutig im Reich der Legenden und zeigen, wie fern das frostige Norrland schon damals auch gedanklich war.

Konkreter wird es ab dem Mittelalter, wo jene, die sich Kväner nennen, als lokale „Oberschicht“ in Erscheinung treten. Sie waren zentral für den Pelzhandel zwischen Ost und West, mit Novgorad als Drehscheibe. Auf schwedischen Gebiet hatten sie ihre Höfe laut Quellen „in bester Lage“ zwischen Umeå und Torneo. Während die Sami in eine nomadische Lebensweise gleichsam gedrängt wurden, arrangierten sich die Kväner mit den „zugezogenen“ Siedlern aus dem Süden.

Ihre Stellung als lokale Elite brachte den Kvenen unter schwedischer Krone weitere Vorteile, – und einen neuen Namen: Birkarlarna. Denn es waren nun jene alteingesessenen Familien, die für den König (seit Magnus Eriksson) die Steuern eintrieben und den Handel beherrschten. Im Gegenzug durften ihre Ländereien nicht von Neusiedlern gestört werden. Eine Win-win-Situation im schwer zugänglichen Norrland. Quellen zu dieser Betrachtungsweise werden => hier und => hier näher beschrieben.

Die Kvenen haben eine eigene Flagge.

Die Kvenen haben eine eigene Flagge.

Heute beanspruchen „die“ Kväner für sich, dass sie dieselben Minderheitenrechte wie die Sami erhalten sollten. Als ethnische Gruppe würden sie ebenso lange auf schwedischen Gebiet leben wie die Sami und seien damit als „Eingeborene“ nach ILO 169 zu sehen. Befeuert von der Entwicklung in Norwegen, wo die Kvenen seit 1998 als nationale Minderheit anerkannt sind, betreiben kvenische Interessenvertreter auch in Schweden ihre Arbeit. Dass manche dabei offenbar auf die Rechte der Sami „schielen“ und deren Ausweitung verhindern wollen, gibt der Sache einen schalen Beigeschmack. Denn beide Gruppen (wie sie sich nun auch definieren) werden bis heute marginalisiert und haben eigentlich einen gemeinsamen Gegenspieler: die Stockholmer Administration.

Trotzdem ist es schwer auszumachen (zumal vom Schreibtisch aus), wer künftig welche Rechte und Status haben soll. Für mich – und sicher für viele „Süd-Schweden“ – ist es jedenfalls spannend, überhaupt ein weiteres „Volk“ im eigenen Land zu entdecken. Ein Volk, das sich in den Weiten des Norrlands um Anerkennung seiner Historie bemüht und das um Boden-, Jagd- und Fischereirechte bangt. Gerne würde ich den Norden einmal besuchen, und dabei vielleicht einen Samen und einen Kvener kennenlernen… Jetzt weiß ich ja, wo ich suchen müsste.

Für die allgemeine Aufmerksamkeit müssten die Kväner dem schwedischen Fernsehen also eigentlich dankbar sein…Dass die Wirklichkeit dann komplexer ist als ein Sonntagabend-Krimi, brauchen sie natürlich niemanden zu erzählen.

Immerhin gut, dass in der TV-Serie am Ende die Franzosen an allem Schuld haben… Deutsche Touristen kommen übrigens auch drin vor…

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