„Nordic noir“: Schweden-Krimis in echt

"Bron" hatter nichts mehr vom gemütlichen "Schären-Krimi".

„Bron“ hatter nichts mehr vom gemütlichen „Schären-Krimi“.

Die eigentümliche Vorliebe für Krimis aus Skandinavien hat sich zu einem europaweiten Trend ausgeweitet. Die Nachfrage reißt nicht ab nach dem Stoff, der wohlige Schauer bereitet. Ob gefeierter Roman, gehypte TV-Serie oder hollywood-produzierter Blockbuster: Scandic Crime ist angesagt, vor allem in England und Deutschland. Dabei geht der Trend zusehends vom „gemütlichen“ Schärengarten-Krimi zum abgrundtiefen, düsteren Drama, das den neuen Genre-Namen „Nordic noir“ geprägt hat.

Noch vor einigen Jahren gab es an jeder Ecke neue Feelgood-Krimis aus Schweden, zum Beispiel in TV-Formaten wie „Der Kommissar und das Meer“ nach den Romanen von Mari Jungstedt. Auch „Die Toten von Sandhamn“ nach Viveca Sten gaben einem nicht wirklich schlaflose Nächte, weil die Hauptfiguren so sympathisch waren und die Schauplätze nie weit vom Ferienhaus mit Meerblick entfernt.

Doch schlagartig wurde alles anders als die Mini-Serie „Die Brücke – Transit in den Tod“ ins Fernsehen kam, wo eine Kommissarin mit Asperger-Syndrom ermittelt und wo zerstückelte Leichen haargenau gezeigt wurden. Ein klarer Fall von Psycho-Crime – ohne den tröstenden Blick auf die Kulisse, denn der Großraum Malmö/ Kopenhagen ist hier nur ein nachtschwarzer Moloch.

Der neue Wallander vom britischen BBC.

Der neue Wallander vom britischen BBC.

Ein ähnliches Rezept hatte bereits Erfolg in der Millenium-Trilogie von Stieg Larsson mit der beinharten Lisbeth, und auch der gute, alte Kommissar Wallander wurde einmal mehr verfilmt und noch düsterer gezeichnet als er schon ist. Nun wird das neue „Nordic noir“ immer weitergesponnen, etwa in dem neuen Mystery-Drama „Jordskott“ in tiefen schwedischen Wäldern oder brandaktuell in der Verfilmung von „Spingfloden“, basierend auf Rolf och Cilla Börjlinds Roman.

Scandic crime gleich vor der Haustür

Mein erstes schwedisches Buch, das ich gelesen habe, war ein Krimi. Von Liza Marklund. Inzwischen lese ich eifrig schwedische Zeitungen, und… wie sag‘ ich das jetzt… Die Fiktion ist nicht annähernd schwarz genug für die Realität. In Schwedens wirklichem Leben passieren tatsächlich eine Menge Verbrechen, die noch richtig Aufsehen erregen und vieles aus Buch und Film in den Schatten stellen. Liegt es nun an der besonders starken „Bewachung“ durch die Medien oder an der Tatsache, dass man hier sonst so ein ruhiges und sicheres Leben führt? Man ist, gelinde gesagt, verwirrt, wenn Stückmorde, Gang-Gewalt, Leichenschändungen und Psychopathen-Taten in schöner Regelmäßigkeit die Schlagzeilen beherrschen.

Filmreife Drive-by-Shootings sind vor allem ein Phänomen der Großstädte. Göteborg hat sich diesbezüglich den unrühmlichen Beinamen „Klein-Chicago“ verdient, weil es hier innerhalb von zwei Jahren über 100 Schießereien mit mehreren Toten gegeben hat. Nachweislich sind es verschiedene Gangs und Gruppierungen mit Verbindungen zum Drogenhandel, die sich hier gegenseitig den Garaus machen wollen. Aber Unbeteiligte geraten dabei immer wieder ins Kreuzfeuer. Aktuell wird der Fall der => Todesschüsse in der Kneipe „Vår Krog & Bar“ in zweiter Instanz vor Gericht verhandelt. Das Lokal wurde im März 2016 von Maskierten gestürmt, die wahllos in die Menschenmenge schossen und zwei Leben auslöschten. Erst kürzlich ging ein weiterer Aufschrei durch die Stadt, als eine Handgranate in ein Erdgeschoss-Fenster geworfen wurde und einen 8-jährigen Jungen tötete. Auch hier soll es Verbindungen zu Gang-Konflikten geben.

Dann wieder gibt es Aufsehen erregende Morde von Einzeltätern, die so extrem sind, dass ich sie seither nicht vergessen habe. Da war zum Beispiel „die Frau aus Deutschland“, die von ihrem Freund betrogen wurde und aus Rache die Kinder ihrer Nebenbuhlerin im Schlaf (!) erstoch. Dieser Fall war natürlich mehr wert als eine kleine Meldung in der Zeitung. Noch Jahre später suchte man das Opfer, die Mutter der Kinder, auf und berichtete über die traumatischen Folgen dieses Falls für sie und die kleine Gemeinde Arboga. => „Die Deutsche“ sitzt seit 2009 in Haft.

Ein ähnliches „Beziehungsdrama“ führte zu jahrelangem Rätselraten seitens der Anklage und schließlich zum Erfolg durch die Suchorganisation „missing people“. Der „Marina-Mord“ beschäftigte eine Menge Leute in der Umgebung von Stenungsund. Zwei Jahre lang war Marina wie vom Erdboden verschwunden, – der Lebensgefährte geriet früh ins Visier der Ermittler, doch konnte er lange Zeit nicht überführt oder verurteilt werden. Trotz klarer Indizien wie ein Schußloch in der Wand und Blut in einer alten Matraze (erst von den Nachmietern gefunden!) konnte die Tat nicht zweifelsfrei zugeordnet werden. Erst der Fund von Marinas Leiche in einem Wald nicht weit von ihrem Zuhause entfernt, gab Gewissheit: Marina wurde im Schlaf gezielt erschossen und fortgeschafft. Der 40-Jährige Freund wurde zu 16 Jahren Haft verurteilt.

Die Organisation "missing people" durchkämmt mit zahlreichen Freiwilligen weitläufiges Terrain. Foto: http://missingpeople.se

Die Organisation „missing people“ durchkämmt mit zahlreichen Freiwilligen weitläufiges Terrain. Foto: http://missingpeople.se

Zu denken gab mir auch der spektakuläre Fund von verpackten => Leichenteilen im Meer nahe Saltö, der idyllischen Insel im Kosterhavet. Freizeit-Taucher stießen zufällig auf die Überreste am Meeresgrund… Es kam heraus, dass das zerstückelte Opfer selbst ein verurteilter Mörder war, der eine jahrelange Haftstrafe verbüßt hatte. Kurz nach seiner Freilassung verschwand er, und als die Polizei die Umstände seines Todes ermittelte, stand sie vor einer Mauer des Schweigens: Im näheren Umfeld war scheinbar niemand traurig um den Mann, der vor so vielen Jahren seine eigene Frau umgebracht hatte…

Stoff für Krimis, ja, vielleicht… Aber die Wirklichkeit ist oft so dumpf, abscheulich und banal, dass einem das Fantasieren schnell vergeht. Wie etwa im => Fall Lisa Holm, passiert 2015 inmitten der idyllischen Inga-Kindström-Landschaft bei Kinnekulle. Lisa, 17, die in einem Land-Café ihren ersten Sommerjob absolvierte, kam an einem Abend nicht mehr nach Hause zurück. Nach einer fünftägigen Suchaktion wurde ihr Leichnam geschändet in einer alten Scheune gefunden. Ein Erntehelfer wurde für die Tat aufgrund klarer DNA-Spuren, aber ohne Geständnis, zu lebenslanger Haft verurteilt.

Im Großraum Göteborg sind 64 Morde (seit 1985) unaufgeklärt. Darunter sowohl ein spektakuläres „Bomben-Attentat“, das ein Auto mit vier Insassen zerfetzte, als auch ein mutmaßlicher Auftragsmord an der Frau eines wohlhabenden chinesichen Geschäftsmannes. Ich versuche diese Taten dann irgendwie in Relation zu setzen: Sind das wirklich so extreme Verbrechen oder kommt so etwas auch anderswo vor? Werde ich vielleicht nur älter, ängstlicher und aufmerksamer? Lese ich zuviele Krimis oder haben die Tageszeitungen nichts anderes zu berichten? Die Welt erscheint in Schweden auf jeden Fall kleiner, – und solche Nachrichten sind näher an einem dran. Und sie zeigen menschliche Abgründe besser als jede fiktive Geschchte. Denn der Mörder könnte dein Nachbar sein…

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2 Gedanken zu “„Nordic noir“: Schweden-Krimis in echt

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