Kommt ‚Rücksicht‘ von ‚Rückspiegel‘?

Blickkontakt auf der Autobahn.

Blickkontakt auf der Autobahn.

Sehr geehrter Raser,

ich nehme heute Kontakt zu Ihnen auf, weil wir uns auf der Autobahn schon recht häufig begegnet sind. Erst gestern bei meiner Fahrt durch Dänemark nach Hamburg hatten wir wieder das Vergnügen – und ich werde den Eindruck nicht los, dass Sie gern mehr über mich erfahren würden. Schließlich suchen Sie meine Nähe derart unverhohlen, dass uns nur zwei dünne Bleche und ein paar Handbreit Luft uns voneinander trennen. Bei 130 km/h…

Jetzt sagen Sie nicht, das sei Ihnen zu langsam! Dass Sie mich am liebsten nur aus dem Weg räumen wollen! Auf einer deutschen, erst recht auf einer dänischen Autobahn, ist ein Fahrzeug mit 130 km/h eigentlich kein Verkehrshindernis. Wenn Sie mein Vehikel dennoch stört, bedeutet dies eigentlich nur, dass Sie unaufmerksam waren. Dass Sie armer gestresster Raser nicht aufgepasst und sich erschreckt haben. Passiert mir auch: Nach 5 Stunden am Steuer lässt die Konzentration schon mal nach. Aber trotzdem tauchen Fahrzeuge nicht einfach „aus dem Nichts“ auf. Ich fahre irgendwo dort vor Ihnen, also war ich schon immer da.

Aber Sie sehen mich einfach nicht…

Ich hingegen beobachte Sie ganz genau, schaue in den Rückspiegel und sehe Sie – irgendwo ganz weit dort hinten. Eine LKW-Kolonne – dort vorn. Kann überholt werden. DARF überholt werden, ja, auch von so unwürdigen Zwergen wie meinem Lancia, mit 130 ungefähr. Da passiert es dann: Plötzlich sind Sie da – so ungestüm wie ein Tsunami -, und ein kranker Autofahrer-Reflex setzt ein: Denn nun bekomme ICH ein schlechtes Gewissen: „Hätte ich mit dem Überholen noch warten sollen, hätte ich mich lieber brav ans Ende der Kolonne gesetzt? Kommt ‚Rücksicht‘ von ‚Rückspiegel‘?“

Aber egal, wie ich mich auch verhalte: Immer gibt es – weit dort hinten – einen wie Sie. Und immer holen Sie mich noch ein, wenn ich gerade aus dem Windschatten des 2. Brummis heraus komme.

Darum sag ich’s Ihnen jetzt mal direkt: Es ist nicht meine Schuldigkeit, dass Sie eine störungsfreie Fahrt haben. Es ist nicht an mir dafür zu sorgen, dass Ihr Bremspedal unberührt bleibt. Wenn Sie mir dicht auffahren, dann nicht, weil ich etwas falsch gemacht habe. Sondern weil Sie schlicht Ihren Fuß nicht bewegen.

Ach so, Sie handeln nach dem Prinzip: „Platz da – wir fah’n Porsche und nicht Mazda!“ – und Sie wollen mich gleichsam bestrafen, drohen, Ihre Macht markieren. Na, Sie sind mir vielleicht ein Schlingel 😉 – auf sowas stehe ich vielleicht sogar. Schließlich regt es mich immer noch ziemlich auf. Nach all den Fahrten durch Dänemark und Norddeutschland seit 2010. Jaja, die A7 ist wahrlich eng wie ein Latexanzug, da muss man schon eine SM-Ader haben, um das so richtig zu genießen…

Nein, im Ernst: Sind Sie wirklich so stark wie Sie vorgeben, dann brauche ich erst recht keine Rücksicht auf Sie zu nehmen, sondern Sie auf mich. Ich meine, ich mag auch nicht alle Fahrradfahrer, trotzdem fahre ich ihnen nicht auf den Gepäckträger auf. Ich mag auch keine Handy-spielenden Fußgänger, aber deshalb überfahre ich sie doch nicht gleich!.

Solange Brummis noch keine eigene Fahrspur auf der Autobahn haben, wird man sich links von ihnen arrangieren müssen, ob’s Ihnen gefällt oder nicht. Fahren Sie gern schnell, aber nur so lange, wie Sie reagieren können. Denn daran scheint’s zu hapern wenn ich das Weiße in Ihren Augen sehe – und nur zwei Fensterscheiben dazwischen – bei 130 km/h.

PS: Tut mir leid, dass ich Sie auslacht habe, als ich Sie letztens mit einer Panne auf dem Standstreifen gesehen habe. Nur 10 Kilometer nach unserer stürmischen Begegnung 😉

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