Klädesholmen: Inselglück im Schärengarten

Nicht wundern… zuletzt musste ich diesen Artikel über meine Tanzgruppe schreiben, damit der geneigte Leser die Zusammenhänge versteht. Also:

Durch das rege „Vereinsleben“ und die wunderbaren Menschen, die ich dort treffe, komme ich alljährlich im Sommer für ein Wochenende nach Klädesholmen. Klädesholmen ist eine „Insel vor der Insel“ -, also ein Eiland, das der Insel Tjörn westlich vorgelagert ist. Im zerfurchten Schärengarten an Schwedens Westküste steht man öfter auf Inseln, als einem bewusst ist. Und durch gute Brücken und kurze Fährverbindungen ist das Inselhopping vom Festland aus ein leichtes Spiel. Aber auf Klädesholmen hat man wirklich das westliche Ende des Archipels erreicht, und es heißt, man kann von hier aus einen geraden Strich bis Schottland ziehen – ohne dabei einmal auf Land zu stoßen.

Ankunft auf Klädesholmen. Foto: Marcus Andersson, auf www.kladesholmen.com - Klädesholmen Samhällsförening.

Ankunft auf Klädesholmen. Foto: Marcus Andersson, auf http://www.kladesholmen.com – Klädesholmen Samhällsförening.

Klädesholmen ist ein klassisches Beispiel für den Wandel vieler Küsten-Orte, nicht nur in Schweden: Vom hart arbeitenden Fischerdorf zum schicken Feriendomizil. Gewachsen ist es durch die so genannte Sill-Perioden, als der Hering in Massen an die Küsten schwemmte und Arbeit für die ganze Region schaffte. Klädesholmen, seit jeher Fischerdorf, hat von den Sill-Schwemmen der Jahre 1747-1809 sowie 1877-1900 profitiert; und bis heute erzählt man sich, dass man damals knietief „im Fisch“ stehen und Heringe mit der Hand fangen konnte. Wie jede Hochkonjunktur brachte die Herings-Hausse auch findige Unternehmer und Fabrikanten, die arme Leute in Lohn und Brot brachten: als Trankocher, Fischverarbeiter, Konservenhersteller…

Genug Arbeit mit Fisch um 1910. Bildarchiv Klädesholmen Museum auf www.kladesholmen.com

Genug Arbeit mit Fisch um 1910. Bildarchiv Klädesholmen Museum auf http://www.kladesholmen.com

Anfang des 20. Jahrhunderts begann man auf Klädesholmen mit der Veredlung des trivialen Herings: Man machte ihn zu Appetithappen, Sauerkonserven oder Matjes. In den 1920er Jahren hatte das Eiland mit 925 Menschen seinen höchsten Einwohnerstand, und im Gewerbe zählte man 1950 ganze 25 Konservenfabriken und 150 Berufsfischer. Wie sie alle Platz auf den kargen Felsen von Klädesholmen und Koholmen fanden, fragt man sich bei einem Ausflug auf die zusammenhängenden Inseln (Holme). Man sieht, wie eng damals gebaut wurde, und wie sich ehemalige Fabriksgebäude, Fischerhütten und Wohnhäuser aneinander kauern. Auf den schmalen Wegen und Durchgängen, die sich über das Eiland schlängeln, steigt man gelegentlich auf die Schwelle eines Hauses oder spaziert durch den Vorgarten eines anderen. Wenn man will, kann man in jedes Fenster blicken, und manche Tagesgäste tun das auch…

Sill des Jahres. Foto Lisa Nestorsson, auf www.kladesholmen.se

Sill des Jahres. Foto Lisa Nestorsson, auf http://www.kladesholmen.se

Die Betriebsamkeit der Fischerei finden sie heute nur noch selten, denn von den 25 Fabriken ist gerade mal eine Einzige übergeblieben: Die große Klädesholmen Seafood AB ist ein modener Lebensmittelhersteller mit höchst unromatischen Produktionshallen, aber einmal im Jahr stellt die Fabrik das große „Sillfest“ auf die Beine (immer am 6. Juni, Schwedens Nationalfeiertag). Dann weht ein Hauch von Nostalgie über Klädesholmen. Mit dem „Sill des Jahres“ wird an die alte Heringstradtion erinnert, wobei die Geschmacksrichtungen dieses Produkts immer neumodischer werden (der Jahreshering 2016 kommt in der Sorte „Chili-Ingwer“ daher…).  Immerhin geht der Erlös von „årets sill“ ganz im maritimen Geiste an die Seenot-Rettung, – und das ist nicht das Schlechteste.

Aber zurück zu meinem Verein und dem Glück, so liebe Leute zu kennen. Auch in diesem Jahr kam die klare Ansage der Vereinsvorsitzenden, im Juli ein Sommerfest auf Klädesholm zu feiern. Dort hat die zweite Vorsitzende, mit dem schönen Namen Christel, ein Haus von ihrem Vater geerbt. Der war auf Klädesholm aufgewachsen, und deshalb kennen wir die Geschichte des Eilands inzwischen ziemlich gut. Aus lebhaften Erzählungen erfahren wir, dass es hier früher sechs Geschäfte gab; dass die Brücke nach Klädesholmen erst 1983 gebaut wurde. Dass man im Winter auf dem Eis Auto fahren konnte, und dass man auf der Terasse meist im Schatten sitzt, weil der Außenplatz immer im Lee liegt. Hat man weiterführende Fragen, etwa zum Fisch oder zu seltsamen Seemanns-Ausdrücken, dann gibt Christel die Anwort – besser als Google, – indem sie das alte Bücherregal ihres Vaters zu Rate zieht.

Schuppen werden zu Wochenend-Häusern. Foto: Katgo

Schuppen werden zu Wochenend-Häusern. Foto: Katgo

Das Alte und das Neue sind auf Klädesholmen quicklebendig – und stoßen manchmal unfreiwillig komisch zusammen. Vom Parkplatz für Inselbesucher gehen wir die Hauptstraße entlang, die natürlich „Strandgatan“ heißt, und treffen auf einen Fisch-Verkaufswagen. „Welcher ist der Sill des Jahres?“, fragen wir naiv, wie Touristen nun mal sind. Aber der Fischverkäufer zeigt nur Unverständnis und verzieht das faltige Gesicht: „Solchen Sill esse ich nicht! Da müsst ihr im Supermarkt fragen.“ Gegenüber sehen wir auf der edlen, weiß gedeckten Sommerterrasse des einzigen Klädesholmer Hotels Gäste am Roséwein nippen, während im Garten eines Privathauses gerade ein „Pop-up“-Café mit selbstgebackenen Kuchen öffnet. Als wir dort die Wochenend-Gastronomin fragen, warum sie ihr kleines Privatcafé nicht besser ausschildert, entgegenet sie trocken: „Vielleicht will ich gar nicht so viele Gäste haben!?“ – und das muss man wohl respektieren.

Lachend gehen wir weiter, der steifen Brise von West entgegen. Sie wächst sich zum regelrechten Sturm aus, als wir ein „Neubaugebiet“ betreten, wo kein Mensch trotz strahlender Sonne draußen sitzt. „Die Zugezogenen haben hier die beste Aussicht“, sagt Christel lakonisch, doch von den weißgetünchten Terassen würde heute das Kaffeeservice samt Kuchen wegfliegen. Sie haben eben nicht „im Lee“ gebaut, wie im alten Ortskern üblich…  Aber „Lage ist alles“, wie es so schön im Makler-Jargon heißt… Und diese neugebauten Ganzjahres-Häuser haben nun mal „1A-Top-Lage mit 180-Grad-Aussicht“. So ein windgepeitsches 1-Familienhaus steht aktuell für 6-7 Millionen Kronen auf der Homepage der örtlichen Immobilienvermittlung. Eine kleine 1-Zimmer-Stuga wäre für schlappe 3 Millionen zu haben!

Nachbarhaus - weiß-getüncht. Foto: Katgo

Nachbarhaus – weiß-getüncht. Foto: Katgo

Nicht umsonst haben Klädesholm-Touristen das Dollarzeichen in den Augen, wenn sie vom Gehweg her staunen und schwärmen „wieviel Millionen hier verbaut sind“. Derweil erzählt uns Christel ausführlich vom Schimmel an der Fassade ihres Elternhauses, von der Sysiphus-Arbeit, das Ganze noch irgendwie bewohnbar zu halten. Den Müffelduft im Keller haben wir selbst kaum ertragen, als wir von dort die Gartenstühle holen mussten. Aber sicher: Mit nochmal soviel Geld wie das Haus wert ist, könnte man es zum 1-A-Anlageobjekt machen!

Am Steg von Klädesholmen sehen wir eindrucksvoll, wie das geht: Hier wurde ein altes Fabriksgebäude zum hyper-modernen Loft umgebaut. Eine hohe Sichtschutzwand zeigt den verzweifelten Versuch des neuen Besitzers, die allgemeine Einsicht zu behindern, was Alt-Eingesessene natürlich lächerlich finden. Wir luschern ganz ungeniert über die Palisade auf den privaten Anleger, wo ein enormes Schlauchboot festmacht und der Besitzer in seinen Laptop schaut. Als Zweitwohnsitz oder Sommerdomizil ist Klädesholmen bei wohlhabenden Städtern beliebt. Aber Wurzeln schlagen sie hier natürlich nicht, wenn im Herbst der Regen waagerecht gegen die Fenster schlägt und im Winter der Strand gefriert… Tatsächlich ist Klädesholmen ab September ein verlassener, öder Flecken, – und die verbliebenen Ur-Einwohner sind wieder unter sich.

Haus-Möwe Berra. Foto: Katgo

Haus-Möwe Berra. Foto: Katgo

Nach dem (wieder mal!) sehr aufschlußreichen Rundgang über Klädesholmen kehren wir zurück zum Sommerfest auf „unsere“ windstille Terrasse. Sie ist jetzt recht einladend, weil wir Vereinsmitglieder sie Tage zuvor geschrubbt haben wie ein altes Schiffsdeck. Als wir uns zufrieden niederlassen, ist der Grill schon angeheizt und der Matjes in Butter geschwenkt. Doch als wir gerade zum Besteck greifen wollen, kriegen wir ungefragt Besuch: Eine Möwe lässt sich auf dem Geländer nieder und wartet darauf, etwas abzubekommen. Christel portioniert sofort Fisch und Brot und macht uns bekannt mit „Berra“, dem zahmen Meeresvogel, – benannt nach dem ehemaligen Herrns des Hauses. Wir fühlen uns geehrt, Gäste von echten“ Ur-Klädesholmern“ zu sein und stoßen an auf den seligen Berra.

PS: Auf Klädesholmen gibt es ein kleines Museum, das vom örtlichen Heimatverein betrieben wird. Im Netz gibt es eine feine Bildgalerie mit alten Klädesholmen-Motiven.

Bootsanleger vor der Haustür. Foto: Katgo

Bootsanleger vor der Haustür. Foto: Katgo

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