Der Sommer im Limbo

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Mittsommer, und die Zeit steht still.

So richtig schwedisch bin ich wohl immer noch nicht, denn das ganz speziell-schwedische Mittsommer-Feeling geht mir irgendwie ab. Ein kluger Mann hat es beschrieben, und es erinnert mich exakt an den Tag vor Weihnachten. Das ist so ein Tag in der Schwebe und in stiller Vorfreude, – da fängt man nichts mehr Neues an, und all die hochtrabenden Pläne liegen flach. Die nächsten drei Tage sind ohnehin nicht alltäglich, sondern feierlich… Und so malt man sich aus, wie schön es wohl wird am Weihnachtstag, wenn man „nach Hause fährt“, wenn man „die Familie wiedersieht“ und wenn man zusammen sitzt und das große Festmahl genießt.

So ist es in Schweden zu Mittsommer.

Die Vorfreude dazu beginnt, wie die Adventszeit, schon Wochen im voraus. Ich ließ mich zum Teil davon anstecken, denn der Sommer-Hype kam von allen Seiten. Es begann schon Mitte Juni damit, dass die „folkuniversitet“ in ihrem Newsletter einen schönen Sommer wünschte: „Bald ist Urlaubszeit, und wir hoffen, es wird eine Zeit der Ruhe und Erholung vor dem Herbst.“ Es ist in Schweden irgendwie Standard, schon im Sommergruß den dräuenden Herbst zu beschwören: „Wir haben die berufsbildenden Kurse für das Herbstsemester vorbereitet“, stand dort weiter. Mit einem Link zum Kursprogramm im Oktober erinnerte die Schule ziemlich unpädadogisch an das Ende des Sommers, – bevor er überhaupt begonnen hatte.

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Ferien zu Hause

Doch davon ließ ich mich nicht verrückt machen. Der nächste Anflug von schwedischem Sommerfeeling begegnete mir im Lunch-Restaurant, wo ausnahmsweise die Töchter des Wirts die Bestellung aufnahmen. In Schweden haben die Kinder schon früh im Juni Ferien, und da ist es üblich, Sommerjobs anzunehmen. Auch unser Hausmeister hat zwei Mädels in Lohn und Brot und lässt sie die Gartenmöbel in den Höfen streichen. Der Anblick der eifrigen Sommerjobber war sehr erfrischend und erinnerte mich zugleich daran, dass in vielen Betrieben jetzt wieder die „Saure-Gurken-Zeit“ beginnt. Für uns Freelancer ist das immer deutlich zu spüren… Darum hatte ich mich vor einiger Zeit selbst für eine Sommervertretung im Übersetzungsbüro beworben, aber leider bis heute keinen Bescheid gekriegt.

Na gut, im Sommer soll man eigentlich auch nicht arbeiten. Das sagen sich die Angestellten vieler größerer Firmen und freuen sich auf mindestens vier Wochen Urlaub am Stück. Ich als Selbstständige konnte ein bißchen an diesem Sommer-Triumph der Lohnabhängigen schnuppern, weil ich nebenbei für eine große Dental-Firma jobbe. Da fand also Mitte Juni das jährliche „Sommer-Abschlußfest“ statt, mit der ganzen Göteborger Belegschaft. Im feinsten Hotel mit Hafenblick lud der Chef zum Krustentier-Buffet und reichlich Weißwein. Er fasste sich in seiner Anprache bewusst kurz, dankte den Mitarbeitern und lobte den tollen Zusammenhalt der Abteilung Göteborg mit den Worten: „Wir sind hier einfach so gut!“ Außerdem haben wir es gut. Also: Guten Appetit!

Das leichte, fluffige Sommergefühl war wieder da…, bis mein Handy klingelte und mein deutscher Auftraggeber mir neue Arbeit durchgab. Es war ja nur Freitag abend, und ein Kunde wollte zum Wochenende noch schnell etwas Neues auf seiner Facebook-Seite….Seid ihr in Deutschland eigentlich alle durchgeknallt?!, dachte ich bei mir, schon etwas weinselig.

Nun ist die schwedische Arbeitswelt zwar offensichtlich menschlicher, locker und unaufgeregter als in Deutschland, aber darum nicht minder durchgeknallt – das zeigte sich gerade in diesen Tagen: Ein großer Übersetzungsauftrag war bereits im Februar avisiert für eine Göteborger Sehenswürdigkeit, die – verständlicherweise – im Sommer am besten besucht ist. Leider bekamen wir die Texte erst Mitte Juni, und so war es an uns Freelancern, den nun knapp gewordenen Zeitplan zu halten. Die Chefs gingen in Urlaub, die Sommerjobber hatten keine Ahnung und die Touristen strömten in immer größerer Zahl durch die Stadt. Fertig wurden wir am Tag vor Mittsommer, als alles schon im Limbo schwebte ob der lang ersehnten Sommerzeit…

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Am wichtigsten ist jetzt das Wetter

Der Limbo machte sich auch bemerkbar, als die schwedische Regierung nur Tage vor Mittsommer ihre strammen neuen Asylgesetze beschloss. Keinen kümmerte es nunmehr richtig (nur eine eifrige Deutsche schrieb noch schnell einen Leserbrief an die Zeitung). Als Schweden aus der EM flog und Superstar Zlatan seinen Abschied bekannt gab, war da in der Öffentlichkeit noch ein leichtes Zucken, aber kurz darauf jubelte man halt für Island. Das wichtigsten Thema war eh das Mittsommer-Wetter, – 2016 übrigens das Beste seit Jahren!

Wir Schweden im Sommer, das erinnert mich an diese kleinen Tundra-Blumen: Wir strecken uns nach der Sonne, die für einige Wochen nicht untergeht, und verdrehen uns dabei sprichwörtlich die Köpfe. Sommer rund um die Uhr sozusagen, und nichts anderes zählt, – weil das Ende schon abzusehen ist.

Immerhin gibt es nun auch für mich viel freie Zeit (oder eben „Saure-Gurken-Zeit“, siehe oben), und die gilt es im Sommer bestmöglich zu nutzen. Ich hatte tausend Urlaubspläne, aber erst gestern endlich etwas festgemacht. Außerdem habe ich einen unverbindlichen Aktivitätenkalender, der sich dann wetterbedingt wieder auf ein Drittel reduzieren wird. Ansonsten habe ich Pläne, in der nächsten Saison endlich Tourist-Guide zu werden, – ob nun offiziell-städtisch oder als unabhängiger Pop-up-Guide muss ich noch ausbaldowern. Denn wenn man schon nicht vier Wochen am Stück bezahlten Urlaub nehmen kann, will man zumindest auf sommerliche Weise Geld verdienen. Und die Touristen kommen sogar schon im Mai, wenn Göteborg am Schönsten ist.,,

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Nächsten Sommer werde ich Göteborg-Guide

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