Wie Vokale mich zum Wahnsinn bringen

Was mich an der schwedischen Sprache auch nach sieben Jahren Lernen noch zur Verzweiflung bringt, sind nicht etwa die nordischen Konsonanten oder die lustige Sing-sang-Sprachmelodie. Es sind die Vokale, die man beim Sprechen einfach so mitnimmt ohne groß drüber nachzudenken. Aber genau diese Vokale entlarven dich zweifelsfrei als Deutsche – und der korrekte schwedische Selbstlaut ist in der Eile des Gesprechs nur schwer zu artikulieren.

Selbst Königin Silvia wird nie ihre Herkunft verleugnen können, weil ihre Vokale so urdeutsch rüberkommen wie genetisch programmiert. Ist das nicht verrückt? Da lebt man jahrelang mit einer anderen Sprache und kann sich in diesem Punkt doch nicht mehr ändern. Man sagt, ab dem Erwachsenenalter ist das Gehirn nicht mehr flexibel genug, um eins zu werden mit der neuen Sprache. Man erkennt zwar rational den Unterschied zwischen einem deutschen und einem schwedischen Laut, aber es steckt halt nicht in einem drin…

Von Swedish_monophthongs_chart.png: Jeffrey Connell (IceKarma)IPA_vowel_trapezium.svg: Moxfyre (talk)derivative work: Moxfyre (talk) - Swedish_monophthongs_chart.pngIPA_vowel_trapezium.svg, CC BY-SA 3.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=6206786

Von Swedish_monophthongs_chart.png: Jeffrey Connell, CC BY-SA 3.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=6206786

Wie Sisyphus mit zahlreichen Sprachkursen im Nacken übe ich also noch immer den korrekten Gebrauch der schwedischen Laute ein. Bei den Konsonanten läuft’s ganz gut: Das gerollte „rrr“? Geschenkt! Das hat mir meine Mutter aus Island mit in die Wiege gegeben. Die Zungenbrecher „sj“, „stj“, und „skj“? Die umschiffe ich geschickt mit einem scharfen „ch“, das klingt wie ein kalter Windzug. Auch der Konsonantensalat wie in „faktiskt“ oder „självklart“ gelingt mir meistens.

Doch wer kann schon beim Sprechen ständig an die Aussprache denken? Ist man in Eile, kommen a,e,u,o,u – vor allem aber ü – , weiterhin sehr deutsch daher. Und das klingt dann auch noch unerhört plump und unpassend im schwedisch Gesprochenen. Finde ich selbst jedenfalls… Wer meint, die urschwedischen ä, å, ö seien schwierig für Ausländer sollte es erstmal mit dem normalen „a“ versuchen! Das wird nämlich hierzulande nicht wie unser helles, vorlautes „Hallo“ ausgesprochen, sondern dunkel und ehrfürchtig wie in „Vater“. In Göteborg klingt sogar ein Hauch von „o“ mit rein: wenn etwas „bra“ (gut) ist, dann sagen manche sogar: „bro“.

Mein spezielles Problem mit den Vokalen am Ende des Alphabets wird von Wikipedia gnadenlos auf den Punkt gebracht. => Quelle:

„Im Gegensatz zur deutschen Hochsprache hat das Schwedische zwei ü-Phoneme:  [⁠y⁠] und [ʉː].“
Alles klar?…

Welche Verwirrung das in der Praxis stiftet, sei an einem weiteren Beispiel gezeigt: Ich liebe „knytkalas“, das ist ein spontanes Fest, bei dem jeder Essen und Trinken selbst mitbringt. Aber wenn ich „knytkalas“ sage, denken die Schweden, ein Mann names Knut gibt ein Fest! Lasse ich einen Muttersprachler „knyt“ und „knut“ nacheinander sagen, höre selbst ich kaum den Unterschied. Versuche ich es nachzuahmen, findet der Schwede das unheimlich süß… und das ist sehr frustrierend!

Papageien-Taktik für die korrekte Aussprache.

Papageien-Taktik für die korrekte Aussprache.

Dabei ist die Papageien-Taktik immer noch die beste Art, um sich knifflige Aussprache anzueignen. Nennt die Lautsprecherstimme die Haltestelle „Snipen“ mit einem langen „iiii“, das den Laut zwischen Zunge und Gaumen genüßlich zerdrückt, dann versuche ich das den Rest der Reise auch. Bis komische Zischlaute aus meiner Richtung anderer Mitfahrer aufblicken lassen… Nur ständiges Wiederholen ließ mich irgendwann den Ortsnamen „Tjolöholm“ beherrschen, der drei „o-Töne“ aufweist, die auf der klanglichen Palette ganz nah nebeneinander liegen. Zum Schluß wurde ein „Schuleholm“ draus, wobei das „e“ nur ein kurzer Anflug ist.

Und bitte, liebe Touristen aus Germany. Wenn ihr laut die Schilder oder Speisekarten lest, versucht euch einzuprägen, dass ein „å“ nicht wie ein „a“, sondern wie ein „o“ gesprochen wird. Nehmt als Eselsbrücke den Ring über dem a, der sieht aus wie ein „o“ – es ist also ganz einfach. Oder einfacher gesagt als getan, denn tief im Herzen ist ein „å“ für mich auch immer noch ein „a“. Ich kånn nicht anders, und lerne es wohl auch nicht mehr.

Natürlich muss das alles nicht so negativ aufgefasst werden wie hier dargestellt. Denn viele Schweden finden das Deutsche eigentlich ganz cool. Und warum? Weil unsere Vokale bzw. Diphtonge so „taff“ och beinhart klingen wie in „Das Auto“, „Rammstein“, „Nein!“ oder „Genau!“ Wenn mich also der Kassierer staunend fragt, ob er da einen deutschen Akzent raushört, ist mein Schwede immer ganz stolz auf mich. „Du klingst eben international“, sagt er dann, um mich zu trösten 😉

PS: Lustige Videos zur korrekten Aussprache und anderen schwedischen Unmöglichkeiten gibt es auf => „Sprich mal schwedisch“

Advertisements

Ein Gedanke zu “Wie Vokale mich zum Wahnsinn bringen

  1. Ooooh ja! Du schreibst mir aus der Seele. Danke für diesen Beitrag!
    Meinerseits habe ich einige Probleme, wenn mir jemand (oder ich jemandem) ein Wort/ Name buchstabieren soll, der ein e, y, u, i oder j enthällt! 😉
    Viele Grüße aus Vimmerby,
    Ann.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s