Nachbarin Möwe macht sich unbeliebt

Immer nah am Menschen und seiner Lunchbox. Fotos: Katgo

Immer nah am Menschen und seiner Lunchbox. Fotos: Katgo

Zum Frühling in meiner schönen Stadt Göteborg gehören nicht nur Gelato und Grillen im Park, sondern auch das Drama um die Möwenjungen. Unsere weißen Stadtvögel haben ja naturgemäß ganz nah am Wasser gebaut, und ihre ausgedehnte Schreie sind im Frühling besonders wehklagend. Denn die Möwen bekommen Junge, und das zwischen vierspuriger Ausfallsstraße, Wohnquartier und belebter Fußgängerzone.

Da spielen sich unschöne Szenen ab, wie etwa Luftattacken von überbehütenden „Helikopter“-Eltern oder Mundraub im wahrsten Sinne des Wortes. Denn statt Fisch essen die Göteborger Möwen ja nur noch das, was Menschen in ihrer Lunchbox haben. Am liebsten aber reißen sie Touristen die Wurst zwischen den Brothälften heraus und verschlingen, wenn es sein muss, schon mal ganze „Subway“-Baguettes. Seit die Möwen ihr angestammtes Habitat auf dem Küstenfelsen verlassen haben, sind sie zu gierigen Geschöpfen mutiert. Wenn sie dann noch das Essen mit dem eigenen Nachwuchs teilen müssen, werden sie so unangenehm, das kaum ein Göteborger noch Sympathie für die Möwen hegt. „Måsjävel“ (=“Scheißmöwe“) heißt es dann im Klartext, wenn man wider besseren Wissens von einer Möwe überrascht worden ist.

Helikopter-Eltern attackieren von oben.

Helikopter-Eltern attackieren von oben.

Eigentlich liebe ich ihren eleganten Flug und das Geschrei, das von Freiheit ruft. Aber im Frühling klingt der Möwenlaut nach Feueralarm oder Raubüberfall. Ihre Hilferufe wecken einen morgens um 5 Uhr, wenn das Küken aus dem Bett gefallen ist. Dann sitzen die Eltern auf dem Dach und kommandieren hektisch ihren Sprößling, der auf dem Fußweg herumspaziert und seine Flügel noch nicht zu nutzen weiß. Kommt der erste lohnabhängige Mensch auf dem Weg zur Arbeit vorbei, wird er von oben wild beschimpft und tätlich angegriffen. Das ist insofern ungerecht, da man die Babymöwe gegen das graue Kopfsteinpflaster gar nicht sieht, – und die frühe Tageszeit tut ihr Übriges. Aber die Möwen-Eltern ahnen Unheil und holen zum Luftschlag aus.

Solange die Möwen sich in den Wohngebieten aufhalten, bleibt es bei dieser Form des Straßenkampfs. Aber wenn ein Junges flügge wird und sich etwas weiter weg begibt, kommt es zur unvermeidlichen Begegnung mit dem Autoverkehr – und das geht dann selten so glimpflich aus… Also macht man sich wieder Sorgen um die „måsjävlar“: denn wenn man das Federvieh aus der eigenen Straße schon aufwachsen sieht, will man es nicht Tage später tot im nächsten Rinnstein finden!

Dramatische Zustände also, zu Lande und in der Luft. Ich frage mich nur, warum die Möwen nicht öfter ans Wasser fliegen und auf geruhsamen Klippen im Schärengarten brüten. Aber dort gibt es halt keine Hamburger und keine Wurst. Oder es ist wie überall: Die Plätze mit Meerblick sind immer am ehesten ausgebucht…

"Det satt en mås..."

„Det satt en mås…“

In Schweden gibt es übrigens das berühmte Trinklied „Måsen“, in dem es um gierige Möwen und betrunkene Seeleute geht:

Det satt en mås på en klyvarbom
och tom i krävan var kräket.
Och tungan lådde vid skepparns gom,
där skutan låg uti blecket.
„Jag vill ha sill!“ hördes måsen rope
och skepparn svarte: „Jag vill ha OP!
Om blott jag får, om blott jag får.“ (=> weitere Strophen)

PS: Zum Frühling gehören in Göteborg natürlich auch

Viel Spaß!

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