Mittelalterwoche: Ein Höllenhauch fegt durch die Stadt

Karten von Visby, siehe Region Gotland - http://www.gotland.se/4043

Karten von Visby, siehe Region Gotland – http://www.gotland.se/4043

Seid mir gegrüßt, Vasallan und Vaganten, Adlige und Ackerbürger, Landsknechte und Leibeigene. Tretet ein durch die Tore unserer Stadt und macht euch auf den Weg zum Markte. Und prägt euch die Namen der unzähligen Kirchen ein, denn Orden, Stifte und Kaufmannsgilden haben Visby nicht nur Gold, sondern auch das Seelenheil gebracht. Die Deutschen haben sogar einen Dom gebaut: St. Marien, das schönste und besterhaltene Gotteshaus in unserer mittelalterlichen Stadt. Es wird noch heute jeden Sonntag genutzt, und lieblich klingen seine Glocken.

Und trotzdem: Gerade dieser Tage streifen Visbys Besucher viel lieber durch die Ruinen der anderen Kirchen, es sind neun oder so, – das kommt darauf an, ob man „Drotten“ und „St. Lars“ zusammenrechnet, ob man St. Per und St. Hans als Einheit sieht… Doch einerlei! – Es wird sich schamlos verlustiert in geweihten Mauern, und die Besucher dieser Veranstaltung nennen die Kirchen jetzt „Locations“!!

Es ist schließlich wieder Mittelalter-Woche in Visby. Teurer Gast, lasst Euch nicht stören von diesem Volk, das jedes Jahr aufs Neue die Stadt durchfegt wie ein Höllenhauch. Sie sehen in ihren Gewändern natürlich fast aus wie normale Menschen aller Stände, aber unter der Maske von himmlisch-verzückten Gesichtern sind es „Moderne“, die mit aller Macht zurück wollen in unsere Zeit – und sei es nur für ein paar Tage.

Mit aller Macht zurück ins Mittelalter.

Mit aller Macht zurück ins Mittelalter.

Unterricht beim Tanzmeister - Forodrims dansgille.

Unterricht beim Tanzmeister – Forodrims dansgille.

Wir Bürger von Visby lassen uns natürlich nicht lumpen. Wir haben den Deutschen Orden, die holländischen Kaufleute und sogar Valdemar Atterdag ertragen, – da sind wir selbstverständlich auch gegenüber den „Modernen“ offen und gastfreundlich. Sie haben ja zugegeben einen recht tollen Markt, viel größer als man es kennt und trotzdem… ja ich möchte sagen: heimelig, – mit Tischen zum Essen, Bänken zum Verweilen, einer Wiese zum Tanzen und einer Bühne zum Gaukeln.

Zumeist geht während der Mittelalterwoche alles seinen geordneten Gang, und bisweilen benehmen sich die „Modernen“ wie ordentliche Leute: Etwa wenn sie beim Handwerksmeister für einen Tag in die Lehre gehen oder sich zu einem Bankett zusammenfinden. Dann bleiben die modernen Instrumente ausgeschaltet, und es wird mit dem Holzlöffel gegessen – wie es sich gehört. Met, Wein und Schnaps gibt es nur in den zahllosen Schänken, wie etwa im Kapitelhus oder im Wirtshaus „Bistra Haren“, – und es wird drauf geachtet, dass kein Jungvolk damit in Berührung kommt.

Gaukler und Wegelagerer.

Gaukler und Wegelagerer.

Aber nicht alles kann man gutheißen! So beginnen etwa die „Modernen“ den neuen Tag, indem sie in den ehrwürdigen Mauern von St. Gertrud gemeinsam frühstücken (!) – unterhalten von einem Geschichtenerzähler, der unseren Bänkelsängern Ehren macht. Anschließend findet man sie an allen Ecken der Stadt seltsame Handlungen vornehmen, ob nun im Unterricht beim Tanzmeister oder in einer Menschenkette entlang der stolzen Ringmauer (die Teilnehmer sagten mir, sie wollten das Welterbe umarmen…)

O tempore O mores!

In der heiligen Kirchenruine St. Nicolai gibt es während dieser Woche teuflische Attraktionen, die guten Christen das Fürchten lehrt: Der sogenannte „Eisenthron“ wurde hier mitten im Chor aufgestellt, ein horribles Ding bewehrt mit Schwertspitzen, – was unsere modernen Gäste jedoch in Scharen hinriss, sich damit „fotografieren“ zu lassen. Es hieß, dies sei eine Reminiszenz an „Game of Thrones“ – womit ich nun gar nichts anfangen konnte…

Pyrox spielt mit dem Feuer.

Pyrox spielt mit dem Feuer.

Am Abend verwandeln sie St. Nicolais Altar in eine Bühne und lassen Schauspieler die Geschichte von Tjelvar erzählen, der das heilige Feuer nach Gotland brachte. Spielleute namens „Koenix“ machen aus unserer Sage einen Circus, – mit Musik, verkleideten Tänzern sowie Blitzen und Feuer aus einer Höllenmaschine! Feuer spuckt und unschmeichelt unweit davon auch die Gauklergruppe „Pyrox“: In der Kirchenruine St. Hans stellen sie eine öbszöne Darbietung mit feurigen Schlangenmenschen zur Schau, und das Volk suhlt sich unter freiem Himmel und jubelt ihnen auch noch zu…!

Gut, dass vieles dieser Tage außerhalb der Stadtmauer geschieht, fern von unserem Blick, unseren Ohren und Nasen. Etwa, wenn die jungen Burschen (und immer auch ein paar unerschrockene Mägde) sich im Wallgraben schlagen und in seltsamen Wettkämpfen messen. Wenn das Gesindel draussen am Strand lagert und trinkt oder wenn Musikanten sich wie Wegelagerer aufstellen und wilde Musik vom Balkan spielen. Ebenfalls vor den Toren der Stadt wird zum Turnier auf der Heide geladen: Im Grunde sind diese Reiterspiele gut gemacht, – nur ist keiner der schicklichen Ritter mehr von hohem Stande!!

medeltidmadnessy

„Manchmal will man dem Ganzen nur entfliehen…“

So fragt man sich: Wozu das Ganze?

Manchmal wünscht man sich in eine andere Zeit, an einen anderen Ort, um dem Ganzen zu entfliehen. Ich bin nur ein kleiner Stadtschreier, aber wie gern wäre ich der Seefahrer, der Vinland entdeckte! Einmal das große Abenteuer erleben, wie die Altvorderen leben und frei sein… hach, das wäre schön. Ein Traum, allzu menschlich – und darum kann selbst ich die „Modernen“ ein bisschen verstehen.

Kommt, lieber Gast, ich führe euch herum.. Unser Visby verändert sich nämlich ständig und leider viel zu schnell.

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3 Gedanken zu “Mittelalterwoche: Ein Höllenhauch fegt durch die Stadt

  1. Pingback: Sommer bis zum letzten Zug | Nach Schweden

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