Abenteuer Vasalauf: Zwischen Schinderei und Verzückung

Früh übt sich. Im Morgengrauen ging es los.

Früh übt sich. Im Morgengrauen ging es los.

Raus aus der Molle und weg vom gemütlichen Schreibtisch. Zum Schaltjahrestag waren wir draußen auf Abenteuer! Wir reisten auf dem Inlandsvägen in die Wintersonne und auch in eine andere Welt. Es lag Schnee, und die Seen waren zugefroren. Auch der Siljan – unser Ziel – war bei Mora voller Schlittschuhläufer. Von der Straße aus konnte man die berühmte Einlaufgerade des Vasaloppets sehen. Und Skifahrer, die hier glücklich durch den „Triumpfbogen“ glitten: „I fäders spår för framtids segrar“. Morgen würde mein Freund sich in „die Spur der Väter“ begeben. Ob „die Zukunft den Sieg bringen“ würde, stand aber noch völlig in den Sternen. Schließlich hatten wir die „Göteborger Grippe“ gehabt und entsprechend großen Trainingsrückstand. Aber das Abenteuer Vasalauf wollten wir uns einfach nicht entgehen lassen.

In Mora hatten wir Quartier bei netten Leuten, die Dalmål sprachen und das Kinder- zum Gästezimmer ausgebaut hatten. Wir klönten zusammen in der Küche und guckten sogar zusammen Fernsehen. Dann gingen wir aber früh schlafen und noch früher wieder hoch, denn von Mora nach Sälen sind es 90 Kilometer, und Mann und Material mussten erstmal zum Start transportiert werden. So erfuhren wir auf schmalen, dunklen Autowegen, welchen langen Weg mein Liebster am Schaltjahrestag allein auf Skiern zurücklegen sollte…

Ein Tag wie im Werbefilm

Aus ungewiss und mulmig wurde erwartungsvoll und rappelig, als das Morgengrauen uns die liebliche schwedische „Bergwelt“ zeigte. Und wie wir uns freuten, endlich den Startpunkt in Sälen / Bergaby zu sehen, wo sich 6000 Starter mit einem ganzen Logistikpark für das große Abenteuer rüsteten. Parkplatzwächter, Lastwagen, frisch gewachste Skier, Kleider-Drop-off, Messehalle, Organisatorenzelte, Dixie-Klos, Feuerstellen, minus 18 Grad auf der Anzeigentafel (!) und dann diese Musik aus den Lautsprechern:

Es war der reinste Werbefilm. 🙂

Montagsläufer: Der Wettbewerb "öppet spår måndag" war mit rund 6000 Teilnehmern nicht einmal voll ausgebucht. Foto: Vasaloppet/ Ulf Palm

Montagsläufer: Der Wettbewerb „öppet spår måndag“ war mit rund 6000 Teilnehmern nicht voll ausgebucht und darum recht entspannt. Foto: Vasaloppet/ Ulf Palm

„Öppet spår, måndag“ – für diesen Wettbewerb waren „wir“ gemeldet. Er in der Spur, ich daneben – sozusagen. Obwohl man als Angehöriger eigentlich nicht neben der Spur, sondern besonders wachsam sein muss! Schließlich will der eigene Vogel in der großen Schar gefunden werden. Er will versorgt sein, braucht vielleicht neue Handschuhe oder eine extra Portion Pep und Motivation.

90 Kilometer klingen erstmal furchtbar viel. Aber unser Plan war, gemütlich zu starten und dann von einer Etappe zur nächsten zu schauen, was geht. Somit ließen wir allen den Vortritt, die es lieben, in der Schlange zu stehen: Die meisten Skiläufer starteten Punkt 7 Uhr wie die Pferde aus der Box, doch man hatte insgesamt bis 8.30 Uhr Zeit, auf die Strecke zu kommen. Mit einem GPS-Band bekam jeder seine persönliche Zeitmessung, und so verließ mein Läufer um 7:30 die Startbahn und vermied den Vasalopp-typischen „Stau“ an der ersten Steigung.

Loipe als Naturreservat

Es begann ein Tag zwischen Schinderei und reinstem Verzücken! Der glitzernde Schnee auf der freien Höhe mit Blick auf die Täler und die Fjällkette von Sälen. Die stillen Senken mit knorrigen Bäumen. Die wellige Loipe in den hohen Nadelwäldern. Tatsächlich hörte mein Vasaläufer nach der erste Etappe auf, bewusst in die Landschaft zu gucken. Aber ich hatte dafür umso mehr Zeit, diese sonnige Winterwelt zu genießen. Ich, die schließlich noch nie im Ski-Urlaub war.

Die Vasalauf-Loipe ist ein ausgewiesenes Naturreservat, 90 Kilometer lang und 9,6 Meter breit. Mit diesem Status soll die traditionsreiche Strecke erhalten und von Grundbesitzer-Interessen geschützt werden. Gut so! Auch im Sommer wird der naturschöne Weg zwischen Fels, Wald und Moor genutzt, oft als Wanderweg, aber auch als Ultra-Marathonstrecke und sogar für den „Cykel-Vasa“, ein beliebtes Mountainbike-Rennen.

Die Stationen des Vasalaufs hatte ich mir schnell eingeprägt: Smågan, Mångsbodarna, Risberg, Evertsberg, Oxberg, Hökberg, Eldris und Mora. Wie die Namen andeuten, sind die meisten Etappenziele auf einem Berg. Hier befinden sich kleinere Weiler oder auch nur eine Ansammlung von (Ski-)Hütten, und die letzte Steigung vor der Station macht die Erfrischung für die Sportler umso begehrenswerter. Von der eingespielten Organisation des Vasaloppet (seit 1922!) werden Blaubeersuppe, Energydrink, Brühe, Wasser, Kaffee und Weizenbrötchen angeboten.

Ich hatte einen weiteren Labetrank für meinen Vasaläufer im Rucksack dabei, ebenso Blasenpflaster, ein zweites Paar Socken, Mütze, Handschuhe, Kamera und was weiß ich alles. Das meiste davon wurde nicht gebraucht, aber die mentale Unterstützung war dafür umso wertvoller. Mein Held war jedes Mal so froh, dass er es „bis hier hin“ geschafft hatte – soweit wie noch nie zuvor! Trotz aller Schmerzen und Steifheit in den Muskeln überwog das Lächeln, und in seiner positiven Denkensart wollte er jedes Mal eine weitere Etappe versuchen. „Die schaffe ich auch noch“, sagte er. Und zwar bevor sich das Zeitfenster schloss, welches das Feld an jeder Station ein klein wenig schrumpfen ließ ( – die Langsamsten kommen also nicht ins Ziel, sondern müssen vorher abbrechen).

90 km auf Skiern. Die Stationen des Vasalaufs als Souvenir.

90 km auf Skiern. Die Stationen des Vasalaufs als Souvenir.

Lächeln und das einmalige Erlebnis genießen, – das ging gut bis Hökberg, ca. halb 5 Uhr abends. Doch auf einmal wurde der Kampfgeist wach, der Fokus klar und der Spaß zu Ernst. „Nur noch 22 Kilomter!“ und ein entschlossenes „Nu jävlar!!“, was soviel bedeutet wie: „Jetzt erst recht, verdammt nochmal!“ Hat man 70 Kilometer schon recht und schlecht hinter sich gebracht, will man den Rest natürlich auch noch schaffen! Um die letzten Kraftreserven zu aktivieren, kam dem Ski-Neuling seine Vergangenheit als „Wettkampf-Schwein“ im Lang- und Mittelstreckenlauf zugute. Aber da dies vor meiner Zeit war, entdeckte ich plötzlich ganz neue Seiten an meinem Schweden. Darüber etwas beunruhigt und hippelig fuhr ich, wie bisher, die Kilomter mit dem Auto voraus und stellte mich an die Bande unter dem Schild „i fäderns spår, för framtids seger“. Es wurde nun schon dunkel…

Tausende Zieleinläufe bei Youtube

11 Stunden und 46 Minuten nach dem Start in Sälen hieß der unermüdliche „Stadion“-Sprecher den Göteborger Teilnehmer willkommen, der unter den letzten 300 das Ziel erreichte. Steif, kalt und wie erschlagen, aber gerührt und unheimlich erleichtert ließ er sich von seinem einzigen Fan umringen, bejubeln und beschenken. Kurze Zeit später nahm er noch sein Diplom entgegen, doch zum Feiern blieb nicht mehr viel Kraft. Nach einem Essen bei McDonalds (^^) fielen wir beide todmüde ins Bett. Unser Abenteuer hatte ein glückliches Ende gefunden.

Ich bin froh, dass wir alleine gefahren sind, auch ohne unsere Freunde und Mit-Kombattanten, – denn das machte das Erlebnis Vasalopp noch viel intensiver. Eine exklusive Erinnerung für uns zwei, vielleicht mit Wiederauflage? Vielleicht mit mir als aktive Teilnehmerin und nicht nur als Logistik-Partner? Wir werden sehen…

PS: Übrigens bekamen die zuvor erwähnten Freunde ihre Kinder genau am selben Schaltjahrestag! – Die letzten SMS des Tages zeigten einen Jungen und ein Mädchen, und damit ging der 29. Februar 2016 wirklich in unsere Geschichte ein! 🙂

PPS: Die Anmeldung für die Winterwoche / Vasalopp 2017 startet am 20. März 2016.

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Ein Gedanke zu “Abenteuer Vasalauf: Zwischen Schinderei und Verzückung

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