Ein Sommer, zwei Jahreszeiten

Der schwedische Sommer ist kurz. Schon im August dräut der Herbst am Horizont.

Der schwedische Sommer ist kurz. Schon im August dräut der Herbst am Horizont.

Unterschiede in der Zeitrechnung sind vielfältig und betreffen vor allem jene, die regelmäßig über Grenzen reisen. Das merkt man zum Beispiel am Jet-Lag, an den Jahreszeiten auf Nord- und Südhalbkugel und, mehr subjektiv, durch den Fortschritt – oder die Rückständigkeit – eines Landes. Oft genug liegen Welten zwischen zwei Ländern auf der Erde…

Zwischen Schweden und Deutschland unterscheidet sich eindeutig die Dauer des Sommers. Welten liegen in der Auffassung, wann diese Jahreszeit eigentlich losgeht, was sie für uns bedeutet und vor allem: in welche Wochen die Urlaubszeit fällt.

Das kann ich beurteilen, weil ich durch meine Kunden und Kontakte eher der deutschen Arbeitswelt zugehöre. Mein Liebster hingegen eindeutig der schwedischen. Noch bis Ende Juli bekam ich aus Deutschland Mails ‚en masse‘, die Aufträge rissen nicht ab. Es schien, der Sommer 2014 würde ausfallen, und Urlaub sei im Allgemeinen überbewertet. Erst jetzt, ganz allmählich, haben die deutschen Kinder Schulferien und viele Familien gönnen sich die wohlverdiente Auszeit.

Mittsommer ist Sommeranfang. Alles andere wäre Zeitverschwendung.

Mittsommer ist Sommeranfang. Alles andere wäre Zeitverschwendung.

In Schweden beginnt der Sommer pünktlich mit Mittsommer, um den 21. Juni herum: Da haben die Kinder bereits seit 2 von 10 Ferienwochen hinter sich, und alle starten gefühlt gleichzeitig in die lange zusammenghängende Ferienzeit. Keiner erreichbar, unterbesetzte Krankenhäuser, eingeschränkte Fahrpläne und sogar Restaurants, die den ganzen Juli über schließen (so, sehr zur Verwunderung deutscher Touristen, das Café des Stadttheaters auf dem Götaplatz.)

Nach schwedischer Zeitrechnung heißt das aber auch, dass ab August alle gleichzeitig zurückkommen, dass sich mitunter der Schweinehund regt und endlich mal wieder bewegt werden will. Freunde fragen: „Wie war dein Sommer?“ – auch wenn er kalendarisch noch gar nicht vorbei ist, – und Statusmeldungen auf Facebook verraten mir, dass die Zeit „nach dem Sommer“ endlich wieder sinnvoll verbracht wird. Mit Arbeit, Sport oder neuen Projekten.

Ich finde dies recht frustrierend, wenn draußen noch Badewetter ist und ich zudem gerade aus dem gestressten Deutschland komme, – siehe oben…

Jedenfalls komme ich vom Urlaub nach Hause in mein Stadtteil, hängt da im Hof ein Zettel mit Einladung zum Nachbarschaftsfest: „Da der Sommer sich jetzt langsam zum Ende neigt, wäre es schön, wenn wir uns treffen…“ Es ist da genau der 5. August. „Sommer zu Ende…“ Der Blues stellt sich unmittelbar ein.

Aber das schlimmste mit dieser schwedischen Zeitrechnung ist: Meistens stimmt sie ganz genau. Noch eine Woche hielt sich das schöne Wetter, – dann künden Regen und Sturmwolken den kommmenden Herbst an. Es macht dann doch nicht mehr soviel, drinnen zu sitzen und diese Zeilen zu schreiben. Neue Pläne für Haus und Hof zu schmieden. …Wir gehen auch bestimmt zu diesem Nachbarschaftsfest am 23. August. Vermutlich eingehüllt in dicke Pullis und unter der Markise… Denn der schöne Sommer ist eindeutig vorbei, – wenn jetzt noch etwas kommt, ist das gnädig gewährter Nachschlag. Doch bevor wir die kurzen Hosen wieder einmotten, muss ich einmal noch im Meer baden! Denn „nach dem Sommer“ ist das Wasser viel wärmer als noch beim Mittsommerfest

Um die schwedische Sommerzeitrechnung zu verstehen, empfehle ich übrigens den Evergreen von Tomas Ledin: „Sommaren är kort“. Der Text erklärt sich selbst: „Der Sommer ist kurz, meist regnet’s in einem fort. Aber nun ist er hier, also nimm dir das Beste daraus. Die Sonne scheint vielleicht nur heute, doch der Herbst kommt mit Windeseile…“ Ach ja…

„Sommaren är kort
de mesta regnar bort
men nu är den här
så ta för dig
solen skiner idag
hösten kommer snart
de går med vindens fart
så lyssna på mig
solen skiner
kanske bara idag…“

(Read more: http://artists.letssingit.com/tomas-ledin-lyrics-sommaren-ar-kort-th8jtmw#ixzz3AGelSPcB
LetsSingIt – Your favorite Music Community.)
Sommeridyll an der Westküste.

Sommeridyll an der Westküste.

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Ein Gedanke zu “Ein Sommer, zwei Jahreszeiten

  1. Wir sind hier ja nur etwa 200 Kilometer weiter südlich als ihr in Göteborg, aber das scheint einen Unterschied auszumachen. Ich komme gerade vom Schwimmen (im Meer) – wie seit vielen Wochen jeden Tag. Es ist zwar etwas kühler, statt 31°C im Schatten vor anderthalb Wochen sind es etwas über 20° (worüber ich nicht nur traurig bin, die 31° waren doch ein bisschen sehr warm), es ist stürmischer und hat endlich mal ab und zu geregnet, aber nach Sommerschluss fühlt sich das alles noch nicht an. Außerdem hat hier der Sommer in diesem Jahr deutlich früher angefangen und war stabiler als in Deutschland, nach allem, was ich so mitbekommen habe. Aber vielleicht will ich es auch einfach nicht wahr haben, dass der Sommer jetzt zu Ende geht und ignoriere die Vorzeichen.

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