Wir Schweden, eine Kiste mit Äpfeln

Zusammen sind wir alle "svensk". Foto: Katgo

Zusammen sind wir alle „svensk“. Foto: Katgo

Neben Linda, Cilena und Jona lag Katja, klein, rotwangig und ein fröhlicher Anblick im Wintergrau. Auf dem Markt habe ich zwischen Kartoffeln und Rüben vor kurzem „meine“ persönliche Apfelsorte gefunden! Dass diese Partie Äpfel ausdrücklich als „svenska Katja“ bezeichnet wurde, fand ich lustig und ließ mich Metaphern spinnen… Ein Apfel vom schwedischen Stamm, – wow, das ist ein starkes Bild, dass auf diese Katja aber nie zutreffen wird. Andererseits bin jetzt aber schon vier (!) Jahre hier und da fragen sich einige: Wie „svensk“ ist Katja eigentlich geworden?

Ja, man könnte Jahrestag feiern. Im Januar 2010 kam ich hier an, erwartungsvoll und mit lauter guten Gaben von Zuhause im Gepäck. Der selbstgemixte Tee meiner Lieblingskollegin sollte mich wärmen, wenn ich mal Heimweh hätte. Das kam nicht allzu oft vor, – darum hab ich erst jetzt, vier Jahre später, die letzte Tasse von diesem Tee gekocht; mit warmen Gedanken an sie, zu der ich nun schon seit zwei Jahren keinen Kontakt mehr habe. Viele alte Bande sind über die Entfernung abgerissen, – man könnte sagen, ich bin recht konsequent ausgewandert. Und daheim in Deutschland haben sie alle schnell gemerkt, dass es mir gut geht, dass ich mich sauwohl fühle in Schweden… Was sollten sie da noch für mich tun?

Plötzlich so fern der vertrauten Umgebung hätten sich manche verloren gefühlt. Aber ich fühlte mich auf einmal einfach frei. Und ich vermisse bis heute nicht wirklich etwas, wohl auch, weil ich hier stets meine Liebe an der Seite habe. Leider bin ich weder reich noch erfolgreich geworden in vier Jahren, aber ich mache genau das, was mir Spaß macht und bin dabei noch mein eigener Chef. Wenn ich mich beklagen wollte, müsste ich den Fehler also bei mir selbst suchen, – etwa, dass mein schriftliches Schwedisch noch immer nicht taugt, um in meinen alten Beruf als Reporter zurückzugehen…

Ich war bisher auch weder im Norrland wandern, noch habe ich einen wilden Elch gesehen. Ich habe keine Sommerstuga, keine Sauna und auch keine Vorliebe für Eishockey entwickelt. Also, nicht besonders „svensk“… wie auch? Man ändert sich doch nicht von Grund auf, nur weil man woanders ist. Es gibt viele Dinge, die ich immer noch durch die deutsche Brille sehe. Aber dass dieser Blick auch ständig in Frage gestellt wird und keineswegs der Weisheit letzter Schluss, – das ist das Spannendste hier in Schweden, und das hat mich sicher auch „verändert“.

Rein administrativ könnte ich nächstes Jahr (nach fünf Jahren bewilligtem Aufenthalt im Lande) schwedische Staatsbürgerin werden. Das wäre gut, wenn ich einen Job bei der Polizei anstreben oder als Pressesprecher bei einem Militärverband anfangen wollte. Ansonsten brauche ich keinen schwedischen Pass, mein deutscher wird ohne Problem in der Botschaft in Stockholm verlängert.

Ein „schwedischer Apfel vom heimischen Stamm“ wird man auch mit neuen Papieren nicht. Als deutsches Exemplar könnte man aber locker in der Kiste mit all den anderen Äpfeln liegen und keiner merkt es eigentlich, denn zusammen sind wir hier alle irgendwie „svensk“.

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5 Gedanken zu “Wir Schweden, eine Kiste mit Äpfeln

  1. Es gibt aber durchaus auch weitere Vorteile die schwedische Staatsbürgerschaft anzunehmen. So kann man z.B. auch bei „richtigen“ Wahlen (nicht nur die kleinen lokalen Ortswahlen) wählen gehen. Und auch wenn ich nicht so politikbegeistert bin, ein wenig möchte ich meine eigene Zukunft dann doch schon beeinflussen können.
    Und wahrscheinlich gibt es noch einige andere Gründe die man aber individuell abwägen sollte.

    Zudem muss man inzwischen als Deutscher nicht mehr die eigene Staatsbürgerschaft abgeben, sondern kann diese zu einer zweiten Staatsbürgerschaft annehmen. Darum habe ich mich dazu entschieden. Leider sind die Bearbeitungszeiten mit ca 10 Monaten schon irgendwie abartig lang. Da sollte man gut überlegen, ob man nicht doch zwischendurch mal den Pass/Ausweis für Auslandsreisen braucht.

    Aber du hast ja noch ein wenig Zeit zum überlegen.

  2. Hej Katgo, wie wahr wie wahr. Darüber hab ich in meinem Blog gestern auch sinniert. Ich bin nicht dänisch geworden ( könnte auch bald dänische Staatsbürgerin werden! Hier nach 7 Jahren erst und nachdem man die Sprachprüfung bestanden hat). Ich bin aber auch längst nicht mehr deutsch. Irgendwas in der Mitte… 🙂
    Vlg mary vom Nordlichter-Blog

  3. Pingback: 5 Jahre Schweden – ein Jubiläum und ein Abschied | Nach Schweden

  4. Pingback: Schweden hat mich – ganz offiziell! | Nach Schweden

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