Zurück im Sturmflug

Foto: Mjobling, wikimedia.commons,

Foto: Mjobling, wikimedia.commons,

Nun ist es schon fünf Wochen her. Fünf Wochen, in denen ich hier nichts mehr schreiben mochte, weil ein Auswanderer-Blog jetzt nicht mehr wichtig ist. Wobei das Geschehene ja sehr wohl etwas mit dem Auswandern zu tun hat -, nämlich dann, wenn den Eltern daheim etwas zustößt. Und so ist es jetzt, – nach fast drei Jahren hier in Schweden holt mich der Gedanke ein, dass ich jemanden im Stich gelassen haben könnte. Damals, als ich ausgeflogen bin…

Damals war ja noch alles gut. Die Altvögel haben mich ruhig ziehen lassen. „Das ist der Lauf der Natur“, haben sie gesagt…. Aber nun? Nun liegt einer mit gebrochenen Flügeln da, und der andere kreist verzweifelt um ihn herum und kann ihm doch nicht helfen. Er ruft den Jungvogel, der kommt sofort herbeigestürmt, und schaut doch auch bloß hilflos zu. Es sitzt plötzlich wieder im elterlichen Nest, wartet, versucht sich nützlich zu machen – aber das fühlt sich alles falsch und sinnlos an. Und der Alte kann ja noch, will nicht aufgeben – und hat, wie immer, einen starken Willen. Er hofft, dass dieser Willen sich auf den Todkranken überträgt. Der in Dämmerung versunken liegt und viel zu langsam heilt… Ob er je wieder fliegen kann, wissen wir nicht.

Wie ich auf diese Fabel komme…? Ich weiß auch nicht, – aber das Bild vom alten Vogelpaar, das ein Leben lang zusammen bleibt, begleitet mich, seit ich vor fünf Wochen den Anruf bekam.

"Fulmars at Plemont", Foto: Dan Marsh, http://de.fotopedia.com/users/photomage

„Fulmars at Plemont“, Foto: Dan Marsh, http://de.fotopedia.com/users/photomage

Da setzte ich mich also abends um 18 Uhr ins Auto. Fuhr über Helsingborg mit einer Fähre voller Fußball-Fans (Hannover 96), dann im Regensturm durch Dänemark, mit besagten Fußballfans rüber nach Puttgarden, bis ich irgendwann um 3 Uhr morgens ankam. Trotz der schlimmen Nachricht bin ich in dieser Nacht nicht über die Autobahn gerast – im Gegenteil. Denn es war mir ja gerade so gegenwärtig, dass in einer Sekunde alles Schöne und Heile vorbei sein kann. Wie das rasende Auto, dass einen erfasst – oder eben nicht. „Hab Angst um dein Leben“, – schoß es mir immer wieder durch den Kopf… „Va rädd om ditt liv“

Im alten Zuhause gehe ich also jetzt wieder öfter ein und aus – wenn auch unter unglücklicheren Umständen. Ich vermisse diesen Ort nicht besonders, aber ich vermisse den täglichen Telefonanruf, die Stimme meiner Mutter, das Gekabbel meiner Eltern und die Neuigkeiten aus dem Dorf. Nächste Woche geht es wieder hin. Und Weihnachten. Und dann im neuen Jahr… Mal sehen, wie oft noch… wie lange ich hin- und herpendele. Zwischen der Sehnsucht nach dem, wie es immer war, und dem schlechtem Gewissen eines Ausgeflogenen.

Advertisements

3 Gedanken zu “Zurück im Sturmflug

  1. Ich kann Dich so gut verstehen. Bei mir war das zwar nicht ganz genauso, aber doch sehr ähnlich. Ich wünsche Dir und Deiner Familie viel Kraft und dass es trotz ungünstiger Prognosen besser wird, so gut es eben geht.

  2. Oh Mann… du sprichst mir gerade aus der Seele. Man sitzt hier in der Ferne und kann nichts tun wenn die Familie daheim krank wird… oder wie in unserem Fall die Schwiegermutter unerwartet plötzlich stirbt… die Heimreise über Weihnachten (damit wir noch mal Weihnachten mit den Müttern feiern können! Naja!) war ja schon umgebucht aber trotzdem kam mein Kurt zu spät und konnte sich nicht mehr verabschieden. Schon das zweite Mal… vor zwei Jahren traf es ihren Lebensgefährten.
    Und nun liegt auch meine Mutter im Spital … und ich bin hier in Schweden. Aber zumindest ist es bei ihr nicht so kritisch (hoffe ich) und am Freitag geht es ja nach Hause… oder zu ihr, denn zu Hause sind wir in Schweden.
    Aber das Schuldgefühl ist da… und wird wohl so schnell auch nicht vergehen! Schließlich bin ja ich schuld, dass Kurt nach Schweden gezogen ist! Oder…?

  3. Ich dachte schon, ich hätte mich wieder total daneben benommen per Email, weil nichts mehr von dir kam. Deine Mobil-Nummer habe ich nicht mehr, k.A. warum, aber ich habe dir eine Mail geschrieben. Ich bin nicht weit weg…

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s