Baum-Protest: Göteborg und die Axt im Walde

Schweden ist das Land der endlosen Wälder: Über 50 Prozent seiner Fläche ist mit Wald bedeckt. Laut Wikipedia ist Schweden sogar das waldreichste Land der Erde (!) und eines der letzten Länder Europas mit stattlichen Alt- oder Urwäldern.

Von Nachhaltigkeit kann jedoch keine Rede sein. Nur rund 3 Prozent des schwedischen Waldes sind in irgendeiner Form geschützt, die Forstwirtschaft ist intensiv und die Wiederaufforstung geschieht oft im Stil von Monokulturen oder durch fremde Baumarten.

Was man im Überfluß hat, wird eben nicht so wertgeschätzt wie etwas Rares, Seltenes… Und so kann man hier vermeintlich immer aus dem Vollen schöpfen, wie die sprichwörtliche Axt im Walde. Wächst ja nach, das Kroppzeug, oder nicht…?

Dass die Göteborger Stadtverwaltung genau so denkt, zeigt die Handstreich-artige Abholzaktion der wohl bekanntesten Allee der Stadt: auf der Vasagatan. Hier sind in fast 100 Jahren Linden gewachsen, die dem Mittelstreifen – einem breiten Fußgänger- und Fahrradweg – großzügig Schatten und vor allem „Charakter“ geben. Gesäumt von Häusern der Jahrhundertwende und mit recht wenig Verkehr ist die Vasagatan eine Flaniermeile sondergleichen und kann mit Fug und Recht als Sehenswürdigkeit eingestuft werden. Und dies vor allem dank der Bäume.

Farbenfrohe Flaniermeile im Herbst – die Vasagatan. Foto: katgo

Auch die Linnégatan, die beliebte Restaurant- und Amüsierstraße im Westen der City, wird von Linden gesäumt – und ihnen jetzt soll das gleiche Schicksal blühen. Angeblich sind die Bäume krank, falsch geschnitten, die Wurzeln angegraben – und überhaupt: Weg mit dem Zeug! Wächst ja nach… Ja, es stimmt, dass einige der Linden im Sommer nicht mehr gut aussehen – nur schütteres Laub und schlecht gewachsene Äste… aber deshalb gleich einen Kahlschlag veranstalten? Wohlgemerkt: Wir sprechen von über zwei Kilometern Straßenbäume. Selbst der Arboristen-Verband meint, dass man hier behutsam vorgehen sollte. Also immer nur einzelne Exemplare verjüngen und nicht gleich den ganzen Bestand.

Denn das würde ja bedeuten, dass wir ungefähr ein Menschenalter lang auf eine neue Allee warten müssen! Was nachgepflanzt wird, verdient ja oft nicht mal die Bezeichnung „Baum“. Und seien die neuen Arten (Ahorn und Tulpenbaum!) auch noch so schnellwüchsig: Es dauert jahrelang, bis die Kronen sich den Dächern zuneigen und dem Beton ihre ganze geschmeidige grüne Pracht entgegensetzen.

„Am Brunnen vor dem Tore..“ kommt mir in den Sinn, und ich bezweifele, dass es in Deutschland so einfach wäre, über 70-jährige Linden einfach kahl zu schlagen. Wenn alte Baum-Ensembles weichen müssen, leidet darunter das ganze Stadtbild. In Kombination mit dem derzeit um sich greifendenden Bau-Wahn auf Straßen und Plätzen ist Göteborg heute schlicht nicht mehr zu empfehlen. Nicht den Touristen, nicht den Neubürgern, nicht den Autofahrern, nicht mal den typischen Stadtmenschen, die den Charakter einer Stadt „atmen“ wollen.

Eine Handvoll Bürger für die Bäume. Foto: Jacob Stalhammar

Genau in diesem Moment sind eine Handvoll „Treehugger“ vor Ort, um sich gegen die Abholzung der Alleen zu wehren. Außerdem hat die Stadt einen vorläufigen Stop der Arbeiten angekündigt. Nicht dass ich die Proteste besonders beeindruckend fand – im Gegenteil zu dem, was man aus Deutschland kennt – aber es reichte anscheinend aus, die Vorgehensweise nochmal zu überdenken. Na dann, – vielleicht wird der nächste Sommer in der Stadt ja doch noch ganz schön.

Weitere Informationen:

Vorläufiger Stop der Baumfällungen

Arboristen nehmen Stellung

Aus der Tagespresse

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