Zu gut ausgeruht – Schweden nach den Ferien

Nun ist es wieder überall spürbar – unverkennbar: Der schwedische Sommer 2012 ist endgültig vorbei. Nicht dass er besonders toll war, was das Wetter anging. Aber nun kann er sich noch so anstrengen, nochmal ein bis zwei warme Tage über 22 Grad aufbringen – das sind nur ein paar späte Zuckungen, denn seine Zeit ist allemal vorüber. Die Leute haben jetzt anderes im Sinn als faul im Gras zu liegen.

Ach, wäre der Sommer doch niemals vorbei. Bulle „Bruno“ – © Reinhard Rogge.

Der Zeichen sind viele: In dieser Woche ging zum Beispiel die Schule wieder los – und von den 70 Prozent der Schweden, die vier Wochen Urlaub am Stück bevorzugen, gingen wohl die meisten zur exakt selben Zeit wieder arbeiten. Ein Land nach den „Industrieferien“: Ausgeruht und übermotiviert – voller Unternehmungslust.

Der Stellenmarkt in der Zeitung schwillt an – genau wie der Terminkalender. Nach dem Motto „Endlich wieder Montag…“ werden Leute befragt, ob es ihnen schwer fiele, in den Job zurückzukehren. Von denen, die den Luxus eines Langurlaubs genossen haben, verneinen die meisten. Viele freuen sich gar über die Rückkehr in Alltag und Routine. Denn soviel Fest, Freude und faule Tage – wie im Sommerurlaub einer schwedischen Durchschnittsfamilie – kann auf Dauer auch keiner ertragen… Die protestantische Arbeitsethik lässt grüßen.

Die schönsten Sommerplätze liegen verlassen. „Anleger“ – © Reinhard Rogge.

Und dann kommt auch noch der IKEA-Katalog: Hurra! – und Hallo Herbst! … Komisch, dass das Standard-Werk nicht mir gemütlichen Möbeln zum Ein-igeln aufmacht, sondern mit dem Kapitel „Ordnung und Klarheit“! – Als müsste man jetzt den Überfluss und das Choas des Sommers bereinigen – genauso wie eine wildwüchsige Hecke. Aufräum- und Aufbruchstimmung. Herbst- statt Frühjahrsputz…

Irgendwie ist das Ende des Sommers in Schweden ins Positive gewendet worden, fast so wie ein zweites Neujahr. Man nimmt sich neue „Projekte“ vor, ja, man will sich selbst „erneuern“ – die Werbung suggeriert dies jedenfalls und die Masse folgt eventuell. Fitness-Studios erleben jetzt den großen „Run“ – genau wie nach Neujahr, und laut Göteborg Posten steigt die Nachfrage nach „Detox“-Produkten. Denn nach einer großen, langen Sause mit Grillfleisch, Rotwein und Sex on the beach wollen viele Schweden ein paar „weiße Wochen“ einlegen. „Schlank in den Herbst“ – hat man so etwas eigentlich schon mal in Deutschland gehört??

Naja, es ist sicher nicht das Schlechteste, dem Herbst positive Seiten abzugewinnen. Einfach das Beste draus zu machen. Schließlich dauert er hier ziemlich lange… Aber nach drei Sommern in Schweden weiß ich inzwischen: Der Katzenjammer lässt nicht lang auf sich warten. Die frühherbstliche Unternehmungslust verpufft doch recht schnell. Und Ende Oktober, wenn der Regen sich hält und die Dunkelheit dich einschläfern will, werden ehrgeizige Projekte auch wieder schleifen gelassen. Zäh und pflichtschuldig kämpft man sich weiter durch die Jahreszeit – und nur Weihnachten ist im wahrsten Sinne des Wortes ein „Licht“-Blick.

Der Herbst braut sich zusammen. „Skyline Göteborg“ – © Reinhard Rogge.

Noch ist es nicht soweit. Schon jetzt fällt vereinzelt Laub und allerlei Früchte von Baum und Strauch. Aber die Luft riecht nach Sommer, reich und warm, und ich versuche jetzt noch jeden schönen Tag so gut auszukosten wie es geht. Und lieber bin ich jetzt schon ein wenig melancholisch als mich voller Elan in den Herbst zu stürzen. Den Sommer abhaken – das geht eben nicht von heute auf morgen.

Die Bilder zu diesem Artikel wurden freundlicherweise von Reinhard Rogge zur Verfügung gestellt. Ein Glücksfall für dieses Blog – und hoffentlich  nicht zum letzten Mal.. Infos und Kontakt zu Reinhard sowie eine Slideshow seiner Bilder auf www.fotos.sc.

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2 Gedanken zu “Zu gut ausgeruht – Schweden nach den Ferien

  1. ja,ja, so ist er halt -der Biorythmus-
    kommt mir irgendwie bekannt vor, vorallem: „Die frühherbstliche Unternehmungslust verpufft doch recht schnell“.
    Es scheint, die Schweden hatten zu einer bestimmten Zeit wohl doch recht großen Einfluss auf uns Norddeutsche.
    Hauptsache jeder kann damit umgehen.
    Übrigens, schöne Bilder hast du dir da „eingefangen“ (muss ja mal gesagt werden)

    gruss Reinhard

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