Schweden ist (geschlechts-) neutral

Heute gibt es Nachschlag. Zwei ältere Beiträge aus diesem Blog sind nämlich plötzlich wieder hoch aktuell geworden. Und da gilt natürlich die alte Redakteurs-Devise: „Schreib doch von dir selber ab!“

Unter „Eselsbrücke mit Geflügel“ hatte ich an dieser Stelle mal ganz naiv mein Gefallen an der doch recht geschlechtsneutralen Sprache der Schweden ausgedrückt. Unter anderem anhand des Beispiels „Autofahrer“, bei dem durch den Artikel „en“ nicht klar wird, ob ein „er“ oder eine „sie“ fährt, ein „han“ oder eine „hon“.

Heute macht ein neues Personalpronomen Furore: „hen“. Durch ein Kinderbuch seit Weihnachten in aller Munde, steht es sogar schon in der Nationalenzyklopädie und beschäftigt über den Tag hinaus Kindergärtner/innen ebenso wie PolitikerInnen. Die schwedische Ministerin für Gleichstellung, Nyamko Sabuni,  hält die Anwendung des geschlechtsneutralen Wortes „hen“ für einen von vielen sinnvollen Initiativen, unsere Gesellschaft noch gerechter zu machen.

„Hon“ und „han“ in stiller Eintracht. Doch seit „hen“ benehmen sich alle wie ein aufgeregter Hühnerhaufen. Bild: wikimedia.commons CC SA 3.0

Nun ist es ja so, dass sich ein wie auch immer gearteter Missstand noch lange nicht ändert, nur weil er politisch korrekt bezeichnet wird. Aber wie heißt es so schön: das Bewusstsein wird geschärft – und das ist immerhin ein Anfang. Doch da ich diese ganze feministische Diskussion als junge, dumme Sprachstudentin bis zum Erbrechen durchgekaut habe (oder eingetrichtert bekam!), interessiert mich heute nicht Inhalt, sondern nur die Form solcher neuen Wortgeschöpfe.

Meine Reaktion auf „hen“ war also die des Oberlehrers: Wenn man ein „hen“ hat, wie heißt dann dann das Possessivpronomen, „seine“ oder „ihre“? Und wie steht es als Objekt im Satz, „ihm/ihn“ oder „sie/ihr“? Solange die Grammatik bei einer Wortkreation nicht geregelt ist, so sagte ich mir, kann man das Ganze nicht ernst nehmen. Und wenn eine Wortschöpfung Sätze entstellt, – na, dann ist sie eh für die Tonne. Man erinnere sich an: „Der Kandidat /die Kandidatin sollten seine / ihre Zeugnisse an den/die Verantwortliche(n) der Personalabteilung schicken“…. argh!

Nach einer Schnellsuche im Internet – so brauchte ich das besagte Kinderbuch nicht selbst zu lesen ^^ – wurde ich fündig und eines Besseren belehrt. Der Autor Jesper Lundqvist MUSS sich natürlich auch über die Grammatik Gedanken gemacht haben: Wir haben daher nun auch ein „hens“ als Possessiv und ein „henom“ im Objekt! Alle, die des Schwedischen mächtig sind, werden dies – wenn schon nicht gutheißen, so doch zumindest logisch finden. Und vor allem: echt gerecht.

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Neulich kam der Anruf aus Hollywood, genauer gesagt: aus der GP-Redaktion. Ich machte im ersten Moment Freudensprünge, weil ich dachte, nun sei endlich ein Praktikumsplatz bei der Göteborger Zeitung frei. Doch es war „nur“ ein Reporter der Online-Ausgabe, der mich zu einem heißen Eisen befragen wollte. Denn ich war „betroffen“!!

Anfang 2011 hatte ich über meinen „Starta eget“-Kurs berichtet, der uns arme Arbeitslose zu gestandenen Unternehmern machen sollte – und siehe da:  Ganz normale Leute präsentierten danach mutig ein Geschäftsmodell und gründeten Firmen, die zum größten Teil die ersten 12 Monate überstanden haben.

Aber dieser Kursleiter!?! Vom Arbeitsamt über eine Coaching-Firma als „föreläsare“ angeheuert, – der ging ja plötzlich gar nicht mehr… Aus dem diesjährigen Kurs kamen Beschwerden! Dergestalt, dass er „sexistisches Material in seinen Unterricht hätte einfließen lassen“. So stand jedenfalls im Göteborg Posten.

Anschaulich und zugegeben leicht überzogen hatte unser Kursleiter „typisch männliches“ und „typisch weibliches“ Verhalten dargestellt. Warum? Weil es ein Hemmschuh für erfolgreiches und sicheres Auftreten in der Geschäftswelt sein kann. Da ging es um Dresscodes und Körpersprache, Gesprächsreaktionen und Arbeitsweisen. Nach dem Motto: „Lauf nicht mit tiefen Dekollete herum, bzw. kratz dich nicht an der Zwölf, wenn du als Unternehmer ernst genommen werden willst. Sei nicht so schüchtern wie ein Teenie, sag auch mal „Nein“ oder aber: tu nicht immer so, als könntest du alles allein.“ Und nein, er hat das Ganze gar nicht mal so drastisch ausgedrückt.

Im Grunde sind das simple Weisheiten – und ziemlich nützliche noch dazu, wenn man plötzlich Kunden werben und etwas verkaufen will. Nun gibt es aber Leute, die nicht (wahrhaben) wollen, dass es „typisch Männliches und typisch Weibliches“ überhaupt gibt. Somit fühlte sich eine Kursteilnehmerin „gekränkt“ und während der Ausführungen „zum Objekt reduziert“. Postwendend rannte sie aus dem Unternehmerkurs – direkt zur Zeitung.

Meine „Starta-eget-Kollegen“, mit denen ich mich heute noch treffe, hielten so eine Reaktion durchweg für überzogen. Was man von besagtem Kursleiter auch hält und wie man heute zu ihm stehen mag – in einem waren wir uns alles einig: Seine Vorträge ließen uns zumindest nicht einschlafen! Das Arbeitsamt, das immerhin Steuergelder für solche „Maßnahmen“ ausgibt, will das Ganze jetzt jedoch gründlich auf den Prüfstand stellen. Der vielfach dröge Stoff wird künftig wohl in Schlaftablettenform veranreicht. Und vollständig geschlechtsneutral! Zu Riskien und Nebenwirkungen fragen Sie…..

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