Eine Handvoll lieber Leute

Das Auswandern selbst kann man penibelst und peinlich-kleinlich vorbereiten. Bis ins letzte Detail. Doch was bei all solchen Plänen und To-do-Listen häufig vergessen wird, sind – so glaube ich zumindest – die Heimfahrten. Ich jedenfalls habe nach zwei Jahren noch immer vollen Fokus auf  der neuen Umgebung. Das Nachhause-Fahren hingegen geschieht eher spontan und zwischendurch – und jedes Mal merke ich, wie schlampig ich dabei mit alten Freunden und Kollegen umgehe.

Hier spricht also das schlechte Gewissen…..  D:

Fahre ich nach Deutschland, geht es zurück zu den Eltern. Auf die Couch und an den Abendbrottisch, wie früher! – Das hat nach wie vor etwas Selbstverständliches – und anders würde meine Familie es auch gar nicht wollen. Kein großes Zeremoniell also, in letzter Zeit auch immer weniger „ausführliche Berichte“ über mein Leben in Schweden. Vatern sagt entweder: „Kind, du bist blaß“ oder: „Mensch, siehst du gut aus!“ Also, im Grunde wissen die Alten eh schon bescheid. Gefühlsmäßig, telepathisch, in der Chemie zwischen Eltern und Kindern eben…

Und doch – es braucht immer so ein paar Tage, ehe wir uns gegenseitig auf den neuesten Stand gebracht haben. Darum mag ich vom elterlichen Sofa und Abendbrottisch auch nicht sofort wieder aufspringen und all die anderen besuchen, die ich eigentlich ebenso gerne sehen will. Aber das ist sowieso ein Ding der Unmöglichkeit: in 5 Tagen kann ich nicht sowohl  Tini, Bea und Pip zum ausführlichen Klönen treffen, die alten Kollegen bei der Arbeit nerven und auch noch zu den Nachbarn rübergehen. Solche Besuche müssen jetzt sorgsam „eingeplant“ werden – und wenn das dann mal klappt, fühle ich mich gestresst.

Auch weil ich es oftmals an Aufmerksamkeit mangeln lasse. Man könnte ja öfter etwas mitbringen, Fotos zeigen, schwedisch kochen, was weiß ich? Kann ich bei den Eltern einfach „ich“ sein, will ich meinen daheimgebliebenen Freunden auch noch klar machen, wie es mir hier oben jetzt eigentlich ergeht. Gelingt das nicht, wird man so langsam ein Fremder. Dabei will ich gar nicht ständig nur von mir selbst und Schweden reden. Die Freunde haben ja ebenfalls einen Nachholbedarf, wollen berichten, was seit seit dem letzten Treffen alles geschehen ist.

Also, selbst wenn man nur eine Handvoll lieber Leute wiedersehen will: dann sind 5 Tage bei weitem zu kurz!

Dass unser Rahmenprogramm mit Hamburg-Bummel und einem St.Pauli-Spiel vollgestopft war, machte die Sache auch nicht besser. Und dann war auch noch die Uhr gegen uns: die Sommerzeit raubte uns eine volle Stunde!

Nie genug Zeit auf den Heimfahrten…. wenn sich daran nichts ändert, hat sich der Auswanderer bald endgültig von „zu Hause“ verabschiedet – und kommt künftig nur als Gast wieder.

Nach Hamburg hab ich Heim- oder mittlerweile Fernweh. Hier Millerntor-Stadion und Dom-Atmosphäre. Foto: katgo

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s