Lagom ist langweilig

Halbfett-Margarine ist auch so ein Beispiel für "lagom", wenn es um Ernährung geht... Foto: katgo

Eines der wichtigsten schwedischen Wörter, die man nicht wirklich übersetzen kann, ist „lagom“. Lagom drückt einen besonderen Zustand aus, eine Sinneshaltung oder einfach: das Maß der Dinge? Ja, im Grunde ist Lagom eine ganz spezielle schwedische Maßeinheit – sie liegt genau zwischen „viel“ und „wenig“.

Im Schwedisch-Kurs wurde „lagom“ oft mit „gerade richtig“ übersetzt. Und das kommt meist ganz gut hin. Wenn ich etwa in der Kantine stehe und der Koch mir auf den Teller füllt: „Sind drei Kartoffeln lagom für dich?“ – Jo! Damit werde ich satt, aber noch nicht vollgestopft. „Gerade richtig“ also. Eine passende Portion.

Aber es schwingt noch viel mehr mit, wenn man „lagom“ sagt…

Das erste Mal, dass ich diesen häufig gebrauchten schwedischen Ausdruck richtig verstanden habe, war bei einem Weinfest an der Mosel. Hier gingen wir – und vor allem mein schwedischer Besuch – voller Erwartungen hin. Was wir erlebten, war aber mitnichten eine weinselige Sause mit Tanz und Gesang, sondern ein sehr gesittetes Zusammensitzen mit Rentnern aus dem Ruhrpott. Klar, es gab Wein und Musik, aber die Tischgespräche begrenzten sich auf „Wo kommen Sie denn her?“, und dann klatschte man höflich für die Kapelle.

Mein Freund sagte hinterher: „Det var lagom“ – und doch schwang ein wenig Enttäuschung mit. Sollte lagom vielleicht auch den Hauch von „langweilig“ haben?  Immerhin konnten wir am nächsten Tag die geplante Radtour ohne Kopfschmerzen machen – insofern war das Weinfest in seinem Ausmaß „gerade richtig“.

Das Weinfest war "lagom", die Steigungen am Berg hingegen nicht! Foto: katgo

Und dennoch: Bei lagom wird nicht über die Stränge geschlagen. Es wird die Kontrolle behalten, ruhig geblieben. Wenn unsere schwangere Bekannte ihren Silvesterabend „ganska lagom“ verbringt, dann ist natürlich eher „ganz ruhig“ gemeint – was ja auch verständlich ist. Doch auch im Allgemeinen gilt: Müde werden ist erlaubt, „morgen ist auch noch ein Tag“ – und warum soll man sich sorgen, etwas zu verpassen. Wo es zu Hause doch so gemütlich ist…

Die Jugend findet lagom übrigens sowas von spießig!! Und auch ich kann trotz meines gesetzten Alters nicht ganz zustimmen, wenn der Kollege nach den langen Weihnachtsferien wieder an seinen Arbeitsplatz zurückkehrt und sagt: „Lagom är bäst!“ – Endlich wieder alles beim Alten! Lagom ist langweilig. Zumindest für mich.

Weitere lagom-Beispiele und Erklärungen:

„Lagom ist die Demut gegenüber der Komplexität des Lebens“… sinngemäß aus einem Leitartikel des „Göteborg Posten“.

Wenn der Sommer lagom ist, brauche ich nicht unter sengender Sonne zu braten, kann aber auch nicht den wohligen Schock eines Bades im Meer genießen. Lagom ist lauwarm.

Der ehemalige schwedische Fußball-Nationaltrainer Lars Lagerbäck erhielt seinerzeit den Spitznamen „Lasse Lagom“: Weil er während der Spiele kaum Gefühlsregung zeigte und sein Team immer „auf sicher“ spielen ließ.

Lagom als Geschäftskultur: Die zahlreichen Besprechungen in schwedischen Firmen und zwischen Geschäftspartnern sollen zur „Verankerung“ von Beschlüssen führen. Alle Stimmen werden gehört, man sucht den Kompromis, jeder bekommt etwas: Nicht zuviel und nicht zuwenig.

Wikipedia erklärt das Wort lagom kurz und konzis auf gewohnt professionelle Weise: http://de.wikipedia.org/wiki/Lagom

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