„Wir duzen uns hier…“

Böse Zungen behaupten ja, ich sei nur nach Schweden gegangen, weil ich nicht mehr von jungen Leuten gesiezt werden wollte. Tatsächlich ist es sehr wohltuend, mit welcher Selbstverständlichkeit in diesem Land nur die eine Anrede gilt: nämlich das „Du“.

Alle duzen sich - vom Kleinkind bis zum Greis. Foto: katgo

Anders als in Deutschland, wo diese Frage doch nie ganz klar war: „Sie“ oder „Du“ – was ist in welcher Situation angemessen? Da klingt das „Du“ doch oft genug dumm-vertraulich oder herablassend: Beim Frisör siezt man die Meisterin, aber duzt den Azubi? In der Uni duzt man den Doktoranden, aber nicht mehr den Dozenten? In der Firma siezt man gleichaltrige Kollegen bis zur ersten Weihnachtsfeier, aber den Chef bis in alle Ewigkeit? Logisch ist das alles nicht…

Und welche Anstrengung es erfordert, wenn sich die Anrede einmal ändert. Hat dir jemand das „Du“ angeboten, liegt dir noch lange das „Sie“ auf der Zunge – und man muss sich verbiegen, winden und die Kurve kriegen, um es bloß richtig zu machen. Andererseits: Einfach pauschal „Sie“ zu sagen, kommt auch nicht immer gut an – da gilt man mitunter als Spießer oder Wesen vom anderen Stern. Etwa in der „kreativen“ Branche, oder im VHS-Kurs. Plötzlich sind alle per Du. Oder geh mal ins Rockkonzert oder in die Fußball-Kneipe und „sieze“ fröhlich Deine Nachbarn! Letztlich ist es immer auch – wie eingangs erwähnt – der leidige Altersunterschied: Der „Angesiezte“ fühlt sich steinalt, vor allem, wenn er aus jener Generation kommt, die noch alles und jeden geduzt hat, nur um sich vom Establishment abzuheben.

In Schweden braucht man sich damit nicht herumzuschlagen: Es gibt hier inzwischen keine Zweifelsfälle mehr. Auch wenn die 2. Person Plural als formelle Anrede noch irgendwo existiert („ni“), sie kommt im Sprachgebrauch praktisch nicht mehr vor. Man duzt sich hier – punktum. Es gibt um das „Du“ herum kein Fettnäpfchen, keinen Fallstrick. Mit „Du“ liegt man immer richtig. Das heißt, ich duze den Krankenhaus-Arzt („Gott in Weiß?“), den Personalchef, den Azubi und den Geschäftsführer, und auch die alte Dame auf der Straße. Gerade bei Letzteren, sagte mein Schwedisch-Lehrer, gäbe es noch immer diesen letzten, leisen Zweifel – denn bis vor 30-40 Jahren war es wohl noch üblich, die Alten zu siezen. Das wissen aber auch nur jene, die selbst schon alt sind…

Doch genau wie ich nicht von 20-jährigen gesiezt werden will, wollen die 60jährigen heute auch keine sprachliche Ausnahme mehr sein. Schon mehrfach habe ich erlebt, dass viele ältere Schweden den jüngeren Leuten gegenüber besonders „zutraulich“ und aufgeschlossen sind. Und das muss mit am „Du“ liegen! Es macht das Miteinander lockerer, wärmer, selbstverständlicher.  Als seien wir alle Teil einer großen Mehr-Generationen-Familie.

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2 Gedanken zu “„Wir duzen uns hier…“

  1. Genau! – von „Ers Kungliga Höghet“ resp. „Ers Majestät“ spricht man auch gern in der dritten Person: „har kungen sovit gott?“ 😉 Bei Staatsminister Reinfeld kann man dann wieder locker werden..

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