Das erste Mal… Schweden

Soeben hatte ich Besuch aus Deutschland. Dabei ist mir aufgefallen, wie niedrig meine Besuchsfrequenz aus Deutschland eigentlich ist. Hat der Spruch „Aus den Augen, aus dem Sinn“ vielleicht doch seine Bedeutung? Ich muss meine Leute jedenfalls immer oft und lange anstupsen, bis sie endlich den Weg ins feindliche Ausland finden. Insofern war ich sehr glücklich, dass es mir bei diesen beiden jetzt gelungen ist.

Davon kriege ich nie genug: Sommeridylle im Schärengarten. Foto: wischho

Es war ihr erster Besuch bei mir in Göteborg – und gleichzeitig ihr erster Aufenthalt in Schweden überhaupt. Premiere also! Dass sie zunächst gar nicht wussten, wo meine Stadt eigentlich liegt, stellt sie in eine Reihe mit sovielen anderen Deutschen, die unabhängig von Reiseerfahrung oder Bildung den Norden einfach (noch) nicht auf der Karte haben. Da braucht man nicht den Kopf drüber zu schütteln, das ist einfach so und sollte der Stadtvermarktung zu denken geben (Frühstücks-Gedanken 4).

Meine Gäste wählten den bequemen Anreiseweg: Flug von Hamburg – einmal täglich, eine Stunde. Und sie wohnten schließlich, wie soviele Göteborg-Touristen, für vier Nächte in einem kleinen Hotel. Tagsüber unternahmen wir eine Menge, wobei ich als Stadtführer und Geheimtipp-Kenner natürlich das Programm ein wenig bereichern konnte. Dabei stellte sich heraus: Wer sich nicht auf Göteborg vorbereitet, der bummelt eben „nur“ durch die Stadt, landet bei Liseberg oder im Universeum. Wir waren darüber hinaus aber auch beim Grill- und Schifferabend am Ostindienfahrer. Und beim vorletzten Tanz des Sommers auf Brännö. Schärenidyll inklusive. Viel schwedischer Sommer in vier Tagen also. Richtig schön!

Das klassische Tourist-Programm: Kanal- und Hafenrundfahrt

Die Meinung meiner deutschen Freunde ist mir wichtig. Was fiel ihnen besonders auf? Was waren ihre Eindrücke, unvoreingenommen und ohne „rosa Brille“? Und ist das ein Unterschied zu dem, was ich gedacht habe, als ich zum ersten Mal hergekommen bin? Darum hier die Statements zweier absoluter Schweden-Neulinge:

Der schwedische Kaffee ist verdammt stark: Zumindest wenn er klassisch gebrüht ist. Dann steht er stundenlang auf der Heizplatte der Kaffeemaschine und vaporisiert sein Aroma in den Raum. Zurück bleibt ein bitterer Trunk, der die Schweißdrüsen anregt und schlimmstenfalls den Magen verätzt.

Rote Häuschen überall…

Köttbullar und rote Häuschen gibt es wirklich! „Wir dachten immer, das sei nur Ikea-Klischee.“ Ja, auch im richigen Leben essen die Schweden köttbullar, und das nicht zu knapp – man braucht sich nur im Supermarkt oder in den Lunch-Restaurants umzuschauen. Und rote Häuschen tupfen die Landschaft, sobald man die Außenbezirke der Stadt hinter sich gelassen hat.

Die sprechen „köttbullar“ „schöttbüllar“ aus? Ach, das verdammte „k“. Wäre ja schön, wenn man die Regel aufstellen könnte, das „k“ vor „ö“ immer als „sch“ auszusprechen. Aber in „kör“ (Chor) und „kö“ (Warteschlage) ist es wieder ein normales „k“. Keine Regel ohne Ausnahme…

Die Schweden sind irgendwie langsamer, bedächtiger. Im Café oder im Restaurant sollte man keine deutsche Ungeduld aufkommen lassen. Alles dauert seine Zeit. Auch im Straßenverkehr ticken die Uhren langsamer. Das entspannt, erst recht im Urlaub. Im Alltag musste ich mir eine gewisse Hektik selbst erstmal abgewöhnen.

Könnte auch in Bremen sein?

Hä? Überall Selbstbedienung im Café? Ja, und in Bier-Pubs und einigen Restaurants mit Terrasse auch. Das muss der arme Tropf wissen, der zum Tresen geht und für alle bestellt. Denn dann muss er auch gleich alles bezahlen. Die Service-Kräfte machen sich meist keine Umstände mit gesplitteten Rechnungen.

Göteborgs Architektur erinnert an Bremen. Das hat mich besonders hart getroffen. Wir Hamburger schauen ja stets auf die kleinere Hansestadt herab. Aber die Stadthäuser der Jahrhundertwende sind dort eben auf weiten Strecken erhalten geblieben. Und das erinnert an Göteborg – und umgekehrt.

Das Leben draußen auf der Straße mutet südländisch an. Oder sehr skandinavisch. Die Leute wollen eben den Sommer bis zum letzten Tag genießen. Besonders abends, wenn nach der Arbeit noch keiner nach Hause will, sind die Straßencafés voller Genießer, die Fußwege voller Flaneure – bis die Sonne untergeht…

Die Mädchen sehen aus wie geklont. Alle blond und in kurzen Hosen. Es hat etwas von Uniformierung, und ich verstehe nicht warum. Warum will jemand, der so gut aussieht, in der Masse untergehen? Aber es gibt, gerade in Modefragen, anscheinend wirklich ein geheimes Kommando, das den Look der Saison vorgibt. Letztens noch die schwarzen Leggings, jetzt die Jeansshorts. Überall…

Das Bier ist…verdammt teuer! Ja, da wundert man sich, wenn man die Getränkekarte aufschlägt und da steht dann 72,-  . „Wie jetzt? Cent? Kronen? Also… 7,20, nee, 8 Euro!!!! Für EIN Bier??? Wasser, bitte.“ Die  Unbalance wird besonders deutlich, wenn das kleine Gericht auf derselben Karte für 99,- angeboten wird.

Göteborg ist hügelig! Und nicht platt, wie man denken könnte. Die Küstenstadt ist gespickt mit „berg“, Felsen und Grundgestein – das gibt ihr so schöne Aussichtspunkte, fordert die Treppensteiger und Baumeister heraus. Regelmäßig bauen die Schweden auf Berggrund, der Beruf des Sprengmeisters hat hier noch Zukunft.

Hügeliges Göteborg – Bauen auf und in den Fels hinein. Fotos (4): katgo

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3 Gedanken zu “Das erste Mal… Schweden

  1. Haha das mit dem Clone und den Jeansshorts geht mir hier genauso .. :-)))
    Und den schwedischen Kaffee im Perculator find ich eher wassrig … aber dann wiederrum, habe ich schon ewig keinen deutschen Kaffee mehr getrunken, wir Ösis mögens schon stärker 🙂

  2. Hej Katja,
    der heutige Tag, fünf Tage vor unserem Umzug nach Schweden war aus verschiedenen Gründen ziemlich frustrierend für mich. Danke für Deinen Artikel. Als Bettlektüre hat er mich gerade wieder etwas aufgerichtet und mich daran erinnert, warum wir das eigentlich alles machen.
    Annika
    http://www.brevlada.eu

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