Kein Festbaum von der Stange

Festbaum hüfthoch, aus einer alten Frisbee-Scheibe. Foto: kat

Kaufen ist doof. Selbermachen ist cool! Ich habe eigenhändig einen kleinen Maibaum gebaut und in die Erde gesteckt. Ich dachte, er sei passend für dieses Mittsommer-Wochenende. Eine Begrüßung für unsere Gäste. Und eine Einladung zum Tanz: Schließlich sieht man in (Ikea-)Reklamfilmen immer, wie Schweden um den Baum tanzen und „små grodarna“ singen – das bekannte Mittsommer-Lied.

Doch schon bei der Fertigung meiner kleinen Überraschung wurde mir gesagt, das aus dem traditionellen schwedischen „Pole-dance“ nichts wird. Denn die Stange war von vornherein falsch konzipiert! Und dann gab es eine Einheimischen-Lektion über die verschiedenen Formen von „Feier-Stangen“:

Das, was ich also aus einer alten Frisbee-Scheibe, einem Bambus-Stab und bunten Bändern gebastelt habe, hält in Schweden höchstens als „feststång“ her. Die Grundform des traditionellen Feiergestängsels, ähnlich dem deutschen Maibaum. Die „feststång“ passt zu vielen Anlässen (etwa Hochzeit oder Erntefest) und kann gerne den ganzen Sommer über im Garten stehen.

Aber eine richtige „midsommarstång“ sieht völlig anders aus. Zunächst das Material – rein pflanzlich: laubgeschmückt! – und dann die Form. Da muss einmal ein Flickr-Bild herhalten. So wie es hier fotografiert wurde, erinnert der Festbaum an ein mahnendes Pilger-Kreuz auf der Via Dolorosa…

Pilgerkreuz oder Phallus-Symbol? Foto: Andrea Resmini (CC BY-NC-SA 2.0)

Aber es ist natürlich ganz anders: Schließlich zeigt midsommar in Schweden eindrucksvoll, wie die Leute dem christlichen Einfluss getrotzt haben. Das Fest zur Sommersonnenwende war der einzige heidnische Feiertag, den sie sich nicht haben nehmen lassen. Auch umbenennen galt nicht: während Dänemark und Finnland Sankt Johanni feiern, ist es in Schweden nach wie vor der uralte Ritus zum hohen Tag der Fruchtbarkeit. Darum wird die „Midsommarstång“ bis heute ganz selbstverständlich als Phallus-Symbol gesehen. Sehr anschaulich übrigens durch die beiden Ringe / Bälle rechts und links der Stange: ein MUSS für einen Mittsommer-Baum.

In Dalarna, wo die schwedischen Traditionen ja bekanntlich alle stärker ausgeprägt sind, ist  die „midsommarstång“ dann sogar mehrstöckig, mit ganz vielen baumelnden Ringen / Bällen zu beiden Seiten. Wie man das auch immer deuten mag… Sicher symbolisiert es Wachstum und Überfluss, die Natur und Menschen im Mittsommer für kurze Zeit erleben.

Symbol für Wachstum und Überfluss, Foto: Petter Palander (CC BY 2.0)

Doch kurz wie der Sommer ist auch das Leben dieser klassischen Mittsommerstangen. Weil sie aus Ästen, Laub und Blumen gemacht sind, welken und zerfleddern sie nach einer Weile und werden rasch wieder abgebaut. Meine kleine „feststång“ hingegen kann noch lange so stehen bleiben, denn sie ist stabil – aus fernöstlichem Bambus. Und Gründe zum Feiern finden sich in diesem Sommer bestimmt auch noch zahlreich.

Nachtrag: So sah der Mittsommerbaum im Göteborger Slottskogen aus…

"Små grodarna" am Tag danach, Foto: katgo

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Ein Gedanke zu “Kein Festbaum von der Stange

  1. Pingback: Das Kreuz mit dem Mittsommer | Nach Schweden

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