Wochenend-Blog: „Andra långgatan“

Lange Straße – eine Allerweltsadresse, die gibt es wohl in jeder Stadt. Und Göteborg hat gleich vier davon! Vier „Lange Straßen“, die auch noch alle nebeneinander liegen. Das hat historische Gründe, denn hier stand früher ein prosperierender Landwirtschaftsbetrieb – und was einst Reihen zwischen den Feldern waren, wurden später recht gradlinige, „lange“ Straßen. Von Nord nach Süd heißen sie heute: „första långgatan“, „andra långgatan“, „tredje långgatan“ und „fjärde långgatan“. Originell numeriert, fast wie in Manhattan.

Von der 1., 2., 3. und 4. „Långgatan“ ist die zweite lange Straße die berüchtigste. „Andra Långgatan“ galt und gilt zum Teil noch heute als die Schmuddelecke der Stadt. Als Hamburgerin frage ich mich natürlich, warum – denn es gibt hier nichts, worüber man sich ernsthaft aufregen könnte… Aber Anstoß nimmt man vermutlich an zwei versprengten Sex-Shops und einem Striptease-Club. Und wenn nicht daran, dann an der Parteizentrale der schwedischen Linken, die hier auch ihren Sitz hat.

Einer der gemütlichsten Pubs in Göteborg: The Rover.

Ein paar alternative Cafés, Geschäfte für Gothic- oder Punk-Klamotten, indische Lampen, arabische Shishas, Platten und Comics abseits vom Mainstream, ein afrikanischer Rasta-Frisör und ein Billig-Discounter lassen so ein wenig das Sternschanzen-Flair aufkommen, das man aus Hamburg kennt. Zugleich sind einige der best-bewerteten Pubs in der „Andra Långgatan“ ansässig, was regelmäßig die Abend- und Nachtschwärmer anlockt. Und ganz normal Lunch essen kann man hier auch. Also im Grunde eine bunte, eine interessante Straße – und nur zwei Blocks von unserer Wohnung entfernt.

Hatte ich erwähnt, dass mich mein Süßer zum ersten Rendez-vous in die „Andra Långgatan“ ausführte? 😮 Ich kann also gar nichts Schlechtes über diese Straße sagen!

Jedenfalls begab es sich, dass an diesem Wochenende zum fünften Mal das „Andra Långgatan“-Straßenfest stattfand – und ich zum ersten Mal dabei. Hier präsentierte sich alles, was diese Ecke so anziehend macht – und das waren nicht die Sex-Shops. Vielmehr Improvisation, Kreativität, günstige Preise für ungewöhnliche Dinge und Treffpunkte für alle Nachbarn. Da stellten die Shop-Besitzer Sofas vor die Tür, dass jeder gerne Platz nehmen konnte. Anwohner verkauften Kaffee oder machten gleich einen eigenen Flohmarkt.

Warten auf der Wolldecke - am Masthuggstorget.

Viele DJs bauten ihre Anlage auf und ließen es wummern: Am populärsten war ein Hiphopper, er muss wohl DJ Fatboy heißen, denn vor seinen Lautsprechern tummelte sich das meiste Jungvolk. Mit Bier und Wolldecke setzten sich auch viele auf die schmalen Grünstreifen am Masthuggstorget und galten damit gleich als Teil der „Szene“ – egal ob sie nun Anwohner oder „Zugereiste“ aus anderen Stadtteilen waren. Bis dort die Rockband „Grand Selmer“ spielte, denn die waren richtig laut – und trennten die Spreu vom Weizen.

Mein persönliches Erfolgserlebnis beim Andra Långgatan-Straßenfest war jedoch ein Gespräch mit den Wolldecken-Nachbarn. Zum ersten Mal fragten sie nicht „kommst du aus Deutschland?“ als ich sprach, sondern vielmehr: „kommst du aus Gotland?“ Das heißt, meine Aussprache muss sich leicht verbessert haben. Es ist eben viel passiert seit meinem allerersten Besuch in der „Andra Långgatan“….

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