Heimweh? Nö.

Oft werde ich gefragt: „Hast du gar kein Heimweh?“, und dann sage ich meistens „Nö.“ So ein kurzes „Nö“, obwohl es natürlich viel komplizierter ist. Aber soll man das alles elaborieren?

Ich habe viel in mich hineingehorcht, um das Heimweh-Gefühl zu orten, zu verstehen. Habe viel gelesen und gehört, wie sich das Heimweh bei anderen „expatriates“ äußert. In xainee’s Blog zum Beispiel oder in der Schwedenstube.

Ich kann so rundheraus „nö“ sagen, weil Heimweh rein örtlich für mich kein Thema ist. Ich besuche meine Eltern inzwischen so etwa alle 6 bis 10 Wochen – das ist nach unserem Empfinden ganz schön oft. Und neuerlich bleibt dabei sogar Zeit, auch alte Freunde und ehemalige Kollegen zu treffen. Die Heimreisen haben sich sozusagen eingespielt.

Ich sehne mich nicht zurück nach dem eigentlichen Ort meiner Kindheit, auch nicht nach meiner letzten Wohnung in Hamburg. Wenn da etwas ist, dann eher so eine Zeit-Nostalgie, denn dort habe ich gute Tage verlebt (doch die sind so oder so vorbei). Und natürlich ist da der Stich ins Herz, wenn ich meine alten Herrschaften zurücklassen muss, wenn ich wieder wegdüse. Weil ich denke, für sie ist der Abschied schwerer als für mich.

Doch mein Zuhause, rein örtlich, ist inzwischen hier in Göteborg. Das Gefühl „ich bin auf Urlaub“ ist verflogen – ich bin jetzt vielmehr angekommen. Hier ist vielleicht nicht „mein Reich“, aber doch meine Basis, der Platz an dem ich „ich“ sein kann.

Also Heimweh? Nö. Es ist mehr das „Fremd sein“, das mich manchmal stört.

Ich glaube, dieses „Fremd sein“ in einem anderen Land wird oft mit „Heimweh“ verwechselt. Denn alles, was einst so selbstverständlich war und leicht von der Hand ging, muss im neuen Land mühsam neu erlernt werden. Man geht hin und kauft ’ne Briefmarke, muss aber fragen, ob die auch für Postkarten ins Ausland gilt. Dann guckt der Verkäufer ratlos und fragt „Hää?“ Missverständnisse…. Eine Mail schreiben – wie rede ich an, wie schließe ich ab? „Sehr geehrter Herr… mit freundlichen Grüßen aus Göteborg!“ So jedenfalls nicht! Unsicherheit… Will ich meine Ausbildung in ein elektronisches Formular eintragen, steht da natürlich kein „Magister Artium“, kein Zeitungs-Volontariat zur Auswahl, mitunter nicht mal „Sprachwissenschaft“. Fremd… erklärungsbedürftig… anstrengend….

Und dann wundern sich die Leute (überall auf der Welt), dass „Ausländer“ sich so komisch benehmen und sich nicht richtig integrieren… Das Fremd-sein zerrt auch am Selbstbewusstsein. Man hat nicht mehr die gleichen Voraussetzungen wie alle anderen. xainee schrieb, es könne einen „klein machen“. Mitunter sogar „klein kriegen“ – und dann kommen leise Zweifel auf. Doch ich finde: Fremd sein ist die tägliche Herausforderung, sich weiter zu entwickeln, Neues zu erlernen, offen zu sein. Und zu kämpfen. Das lernt man hier erst… wenn man’s vorher nicht brauchte.

Und dann gilt hüben wie drüben: Wer keine sinnvolle Beschäftigung und keine Perspektive hat, ist an sich schon ein armer Tropf. In einem fremden Land muss dies noch weit mehr aufs Gemüt schlagen – und das ist für viele dann ihr „Heimweh“. Wenn Arbeitslosigkeit oder private Isolation das Selbstvertrauen in die Knie zwingen, kommen ganz automatisch Fluchtgedanken auf. Soweit ist es bei mir zum Glück noch nie gekommen, aber es wundert mich kein bißchen. Wenn schlechte Lebensbedingungen der Grund zum Auswandern sind, können sie genauso gut ein Anlass zur Rückkehr werden.

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3 Gedanken zu “Heimweh? Nö.

  1. Alle 6 bis 10 Wochen deine Eltern zu sehen ist wirklich Luxus und perfekt! Das freut mich fuer dich!
    Ich glaube vieles was du schreibst stimmt fuer mich, die Perspektive ist das schwierige und auf das beziehe ich auch unbedingt mein „klein gekriegt und die Perspektive ist fuer mich auch noch das letzte Ding das ich brauche bevor ich glaube ich Schweden als meine Heimat akzeptieren kann. Ich muss mich gebraucht fuehlen und von nutzen. Und ich gebe dir unbedingt recht, schlechte Lebensbedingungen als Grund zum Auswandern ist keine gute Basis. Mich hat die Liebe hergeholt und mich hält die Liebe hier … aber langsam schleicht sich neben die Liebe zum Mann auch die Liebe zum Land und das ist etwas sehr gutes!
    Ich hoffe noch immer das wir uns diesen Sommer mal treffen – wann habt ihr Urlaub?

  2. In der zweiten Juli-Hälfte würde es passen. Ich möchte euch auch gern mal kennen lernen. Wir haben hier zwei gute günstige „vandrarhem“ mitten in der City, falls ihr einen Göteborg-Ausflug plant. 🙂

  3. ach verflixt nochmal … meine e-mail weiterleitungen funktionieren nicht. ich habe nie gesehen, dass du mir geantwortet hast!!!! Grrrrr! Klar will ich dich kennenlernen und ich hoffe, dass wir es mal 2012 gebacken kriegen?! 🙂 Jetzt wo auch mal wieder Geld ins Haus kommt (hoffentlich) sind auch Reisen besser möglich und ich möchte mir unbedingt Sockholm, Göteborg und Gotland ansehen. Da muessen wir unbedingt etwas planen! Du, ich habe gelesen dass du nun Facebook hast, vielleicht können wir uns ja mal darueber „verbandeln“

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