Kulturschock mit Mütze

Letztes Jahr hab ich mich ja noch drüber beölt und wollt’s nicht glauben. Dieses Jahr komme ich aber nicht drum ‚rum darüber zu schreiben.

Ihr kennt doch sicher das Gefühl des „Fremd-Schämens“? Des Peinlich-berührt-seins vom Verhalten anderer Leute?

Ein bisschen so etwas kommt auf, wenn ich die hiesigen „Student“-Feste sehe… Von allen für mich „neuen“ Sitten und Gebräuchen hier in Schweden fühlt sich diese am Fremdartigsten an. Ein Kulturschock mit Mütze. Seht selbst…

Konspiratives Gröhl-Kommado, Foto: katgo

Alle „Studenten“, oder Abiturienten, werden derzeit von der Leine gelassen – nicht ohne dies ihren Mitmenschen auch lautstark mitzuteilen. In der Praxis sieht das so aus, dass ganze Trecker und Laster mit jungen, gröhlenden Menschen beladen werden und durch die Straße fahren. Dabei wird von den Teilnehmern vor allem … gegröhlt, gefreut, getrunken. Eine Botschaft haben diese Abifeiern eher nicht, doch wenn, dann wird auch diese unverständlich… herausgegröhlt. Trillerpfeifen und Beats begleiten das Ganze, und dann erinnert mich das sehr an die LoveParade. Aber im Grunde dominiert ein allgemeines Gegröhle, das wie eine Sirene anschwillt und wieder abebbt, sobald der Konvoi vorbeigefahren ist.

Ein konsiratives Gröhl-Kommando sozusagen… zur Verdeutlichung hier noch ein Video.

Aber nun gut, ich werde alt. Im Grunde ist das ja alles doch sehr erfreulich, die Leute sind stolz – und die Erleichterung bricht sich Bahn. Eine schöne Sache sowas…!

„Man tar alltså studenten“ Das bedeutet in Schweden, dass die Schule aus ist, und zwar endgültig – für immer! – nach dem Gymnasium in diesem Fall. Man hat also seinen Abschluß, vergleichbar mit dem Abitur, und der wird mit einer sehr landestypischen Student-Feier zelebriert.

Mit dem eigenen Bild unterwegs. Foto: Björn Söderqvist, CC BY-SA 2.0

Zuerst versammelt sich die Elternschaft mit je einem Bild ihres Mündels auf dem Schulhof und nimmt ihn dann – wenn auch nur kurz – in Empfang. Es ist ein bisschen peinlich, denn diese Bilder sind meistens aus Kindertagen und werden geschmückt wie ein Altar… Warum erinnert mich diese Szenerie aber immer an Soldatenmütter, die Bilder ihrer Gefallenen in die Höhe recken? Makaber, ich weiß. Wo dieser Tag doch ein Tag der Freude ist – eine wichtige Station im Leben des Kindes. Und dennoch,… fremdartig, irgendwie.

Nun ja, die Abiturienten lassen ihre peinlichen Eltern dann auch schnell wieder stehen und begeben sich auf den „Student-Flak“, den oben beschriebenen Traktor respektive LKW, der von den Schulklassen / Jahrgängen gemietet werden kann. Eine ganze Branche hat sich in Schweden etabliert, um ihre „Studenten“ alle Jahre wieder angemessen auszurüsten… hier ein Link: Ganz schön teuer sowas, aber in den Städten achtet die Polizei ja auch stark auf die Sicherheit dieser fahrenden Bühnen – somit müssen sie verkehrssicher und Tüv-geprüft sein…

Uniformierte Abiturienten

Das Aller-Ulkigste an diesem Ritual ist für mich die Uniformierung. Sie kam bezeichnenderweise erst wieder in den letzten Jahren auf. Zuvor – naja, lang zuvor in den 70er Jahren – galt der Dresscode noch als verpönt, wie überhaupt die ganze elitäre Student-Feierei. Doch nun erlebt die traditionelle Abschluß-Tracht (weiß – mit Schiffermütze !!!) ein Revival. Tja, auch in Schweden ist 1968 verdammt lang her – und heute schämt sich keiner mehr, mit Studentmütze und weißer Hose / Kleidchen herumzulaufen. Und passend dazu noch zu gröhlen, als wäre man im Stadion…  >.<

Aber „fremd schämen“, das geht immer noch. *facepalm*

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