Der Soundtrack unserer Achtziger

Auf dieser ewigen Strecke von Skagen in Dänemark runter nach Hamburg höre ich immer viel Musik. Letztens gab es auf der Fähre CDs für 59 Kronen zu kaufen, da habe ich mangels Auswahl zu „U2 – 18 Singles“ gegriffen. Nicht dass U2 mein heutiger Favorit wäre, aber ich habe die Songs immer gemocht und kann die Texte heute noch auswendig. Erstaunlich genug! Wahrscheinlich weil sie U2 damals ständig in meiner Lieblings-Disco gespielt haben – und dann war da die zarte politische Bewegung an unserem Gymnasium, zu der U2 den Soundtrack lieferte…

"Angry young men", U2 vor langer Zeit...

Auf so einer Autofahrt geht also regelmäßig auch das Gedächtnis auf Reisen. Zurück in die 80er Jahre, als die Schulkameraden nicht mehr spielen wollten, sondern plötzlich so verdammt ernst und grimmig wurden. Ein Teil des Erwachsenwerdens ist ja wohl, dass sich der Mensch allmählich als Teil einer Gesellschaft begreift, als Tropfen in einem wilden Strudel, den er nicht kontrollieren kann, und das macht ängstlich, wütend und manchmal ohnmächtig.

Weil U2 in dieser Zeit zu uns kam, (auf dem Land etwas später als anderswo, ich muss wohl so 16, 17 gewesen sein…) beschäftigten sich einige mit dem Nordirland-Konflikt. Aufgewühlt durch die eigene Empathie kehrten sich kleine Grüppchen von der Klasse ab, meist die etwas „Frühreiferen“. Sie wollten, verdammt nochmal, etwas tun und konnten doch nur U2 hören, dabei rauchen und in kleinen Sit-ins über das diskutieren, was sie gelesen hatten. Ihren Wissensvorsprung über das unmenschliche Internment, Sinn Fein und IRA ließen sie die anderen spüren… Ich selbst kam mir plötzlich vor wie ein Idiot, weil ich noch nie etwas vom „Bloody Sunday“ gehört hatte. Dabei sang ich lauthals mit, wenn U2 diesen Klassiker spielten. „Weißt du überhaupt, was der Blutsonntag ist?“ fragten mich die Schulfreunde dann – und woher die Antwort nehmen, wo es doch noch kein Wikipedia gab (!!!)….

Die Jungs von U2 sehen auf dem Cover ihrer 18 Singles genauso aus wie unsere reiferen Schulkameraden von damals. Mit der Faust in der Tasche – und gleichzeitig inmitten der jugendliche Metamorphose, in der nichts absolut ist, doch in der absolut alles möglich scheint. Die Songtexte spiegeln diese Qualen und die inneren Stürme und ich erinnere mich an jene, die neben der Politik auch die erste Liebe entdeckt hatten. „Alles nur Hormone“, sagt der Zyniker, doch die jugendliche Logik vereint den Blutsonntag mit dem „Fenster zum Himmel“.  Wie U2’s Musik. Was ich daraus höre, ist nicht nur Politik, sondern das Wispern unter einer Decke im Jugenzimmer, etwa in der Art: Wenn sich doch alle nur so lieben würden wie wir beide, dann wäre die Welt doch in Ordnung. Oder nicht? „‚Cos tonight, we can be as one, tonight…“

It's a beautiful day, don't let it get away...

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