„Nån tysk skit…“

Die deutsche Discounter-Mentalität ist den Schweden nicht verborgen geblieben. Wir haben unseren Ruf als „Billigheimer“ – auch über die Grenzen Deutschlands hinweg. Das führt zu amüsanten Beobachtungen im Land der Knäckebrote, Smultronmarmeladen und – Qualitätsschuhen. Schuhe, ja – richtig gelesen. Denn Schuhkauf ist Vertrauenssache! Letztens ging ich eine Abkürzung durch das erweiterte und neu eröffnete „Frölunda Torg“-Einkaufszentrum. Eine typische Shopping-Mall mit allen möglichen Filialen großer Ketten, darunter auch der urdeutsche Schuh-Höker „Deichmann“.

Schuh-Deichmann am Einweihungstag des "Nya Frölunda Torg", Bild: Dick Gillberg

Ein älteres schwedisches Ehepaar steht vor den „Super Eröffnungsangeboten“ und schüttelt den Kopf. Top-modische No-Name-Markenschuhe zu Preisen, die kein Konkurrent im gesamten Center schlagen kann. Doch dann fragt die Frau ihren Mann: „Deichmann? Vad är det för nåt?“ Und er winkt ab und sagt: „Usch, nån tysk skit“ – und geht weiter. Das Urteil fiel eindeutig aus: „So’n deutschen Schiet“ wollten die beiden nicht an den orthopädieschuh-gewöhnten Füßen haben.

Vorbehalte wie diese sind aber nur eine Variante dessen, was im Lebensmittelbereich noch viel ausgeprägter ist. Da wird doch tatsächlich das deutsche Schweinefilet extra als „tysk“ ausgezeichnet und viel billiger verkauft als das eigene schwedische – und dann bleibt es doch als Ladenhüter liegen. Verbraucher beschweren sich, halten es für „unverantwortlich“, wenn deutsches Fleisch einmal nicht als solches gekennzeichnet ist. Es herrscht das Bild vor, dass alles aus dem 80-Millionen-Moloch letztlich unappetitliche Massenware ist. Paradox, gerade jene Deutschen, die sich in Europa für so vorbildlich halten… in Schweden unterstellt man ihnen die schlechteren Umweltstandards, die schlampigeren Kontrollen und eine unübersichtliche Massenproduktion. Kurz: Ein riesiger wandelnder Komposthaufen! „Tysk skit“, auf Deichmann-Schuhen…

Nun, sowas muss ein deutscher Durchschnittsbürger natürlich erstmal verkraften. Wo man doch immer dachte, wir machen’s besser und zeigen den anderen wie’s geht. Klar, wenn’s um Autos geht, wird es auch erstmal so bleiben. Aber nicht alles mit dem „Kennzeichen D“ wird im Ausland so geschätzt wie Mercedes, BMW und „das Auto“. Deutschland ist Schweden zweiffellos sympathisch auch wegen der „Gemütlichkeit“, des Biers und der Würstchen (komischerweise sind sie von der deutschen Fleischphobie ausgenommen!)

"Borta är bra, hemma är bäst": Spargel, in Deutschland gekauft, in Schweden genossen... Foto: katgo

Doch im Grunde hält man es hüben wie drüben: „Borta är bra, hemma är bäst“ – „zuhause ist’s am Besten“. Das Beste kommt eben aus heimischen Landen – ein noch immer nicht totgelaufener Slogan der nationalen Landwirtschaftsvermarktung. Die übrigens bewusst auf eine, ich sag mal, latente Fremdenfeindlichkeit setzt. Oder wieso taugt keine andere als die schwedische Erdbeere zu einem gelungenen Mittsommerfest?

In Deutschland ist es natürlich nicht anders. Da muss das Rindfleisch von heimischen Weiden stammen – weil: „seit BSE kann man keinem mehr trauen!“ Griechischer Spargel, brasilianisches Geflügel, chinesische Äpfel? Manche mögen noch mit Transport versus Frische argumentieren, aber: Bei der Wahl von Lebensmitteln laufen auch viele irrationale Dinge im Kopf ab. „Wat der Buer nicht kennt, fret he nich“ – und obwohl wir längst global handeln, traut man anderen Produzentenländern weniger zu als dem eigenen.

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3 Gedanken zu “„Nån tysk skit…“

  1. Günstige deutsche Rennräder (Cube), eingekauft via Internet werden
    „Ful-tysk“ genannt obwohl sie genau so schön sind wie alle anderen Fahrräder.
    Ful hat hier mehr die Bedeutung „billig, günstig“

  2. Haha – genau die Schweden wollen nur Schwedisches. Im Nationalstolz sind sie echt die Nummer Eins. Ich habe eine Bekannte aus Amerika, ihr Freund ist Schwede und sie darf hier in Värmland nicht bei Lidl einkaufen gehen, sie haben zwar beide kaum Geld aber die deutschen Sachen werden strikt verweigert. Gott sei Gedankt, dass mein Schatz nicht so ist! Der ist mit mir extra nach Strömstad gefahren, nur damit ich bei New Yorker einkaufen kann und nach Charlottenborg damit ich zu Deichmann kann denn ich liebe den „tysk skit“ 🙂 Und mal ehrlich …. da ich kein gutes österreichisches Fleisch hier herkriegen kann (grins – natuerlich ist DAS die beste Qualität – grins breiter) wuerde ich auch dänisches essen … aber nein … ich kaufe schwedisches, um Schatzi zu beruhigen und dafuer darf ich dann auch mal deutsche Erdbeeren kaufen, weil die auch 20 kronen billiger sind. Danke Schatzi 🙂

    • Ja, als Lidl nach Schweden kam, begegnete denen hier eine Kampagne, die schon an Rufschädigung grenzte. Die Vorurteile sind immer noch nicht ganz beseitigt, obwohl die Werbung für Lidl hier jetzt sehr sympathisch rüberkommt. Tatsächlich haben wir Freunde, die fast nur bei Lidl einkaufen – sie sind froh, dass sie auch mal „billig“ davon kommen beim täglichen Bedarf und so den großen einheimischen Handelsketten ein Schnippchen schlagen.

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