Eselsbrücke mit Geflügel

Schweden ist ja vordergründig das Land der geschlechtlichen Gleichstellung – und ich freue mich jedes Mal, wenn ich Beispiele und Bestätigungen dafür finde. Zwar ist auch hier in Sachen Gleichberechtigung noch einiges im Argen, aber man bekommt zumindest den Eindruck: Es ist machbar.

Das wird zum großen Teil an der Sprache liegen, die erstaunlich geschlechtsneutral ist. Warum? Bei den Hauptwörtern gilt nicht in erster Linie die Genus-Form – männlich / weiblich, „die“ oder „der“. Statt dessen gibt es „en“- oder „ett“-Wörter. Und das ist nicht einmal mit unserem Artikel „der, die, das“ zu vergleichen – es ist einfach eine schwedische Spezialität, und eine Qual für alle, die die Sprache lernen.

Nun sind alle Person ohne Ausnahme „en“-Wörter. Man hat also „en man“ und „en kvinna“ – und die Pronomen dafür heißen „han“ und „hon“. Das können sich vor allem Deutsche prima als Eselsbrücke merken, wenn sie an männliches und weibliches Geflügel denken: „Er“ ist der Hahn und „sie“ ist das Huhn…

Sie oder Er? "Hon" oder "han"? Bild: wikimedia.commons CC SA 3.0

So kommt es vor, dass man einen Zeitungsartikel liest, der einen völlig geschlechtslosen Autofahrer beschreibt. Erst im dritten Satz wird durch ein kleines Pronomen klar, ob es sich um einen Mann oder eine Frau handelte. „En bilist blev polisanmäld…. Hon körde 180 kilometer per timme“. Autofahrer wurde angehalten. … Sie fuhr zu schnell… – Aha, eine „sie“… Manchmal kann ich mich als Leser ertappen, welche Reaktion das dann auslöst. Aber im Grunde ist das Geschecht für die Sache eher unwichtig – weil es nicht am Anfang der Meldung steht.

Was im Schwedischen also fehlt, ist der Geschlchtsartikel sowie das weibliche Anhängsel „-in“ für Personen. AutofahrerIN. Letzteres führt ja im Deutschen – zumal in Stellenanzeigen – zu schrecklichen Wort- und Satzungetümen. „Kauffrau / Kaufmann im Einzelhandel“. „Revisor/-in gesucht“. Da werden Sätze durch einen Schrägstrich zerhackt, weil man geschlchechtlich korrekt sein muss. „In der Position muss die Kandidatin / der Kandidat flexibel und belastbar sein.“ Der Leser allerdings auch…

Zu meiner Zeit in der Uni haben manche Kommilitonen regelmäßig politisch-feministisch korrekt die Doppelform ausgesprochen: „Die Historikerin beziehungsweise der Historiker steht hier vor einem Problem…“ Ja: er weiß nicht mehr, was er in seinem korrekten Sprech eigentlich sagen wollte. Manche schrieben das „IN“ dann auch groß, um beide Formen orthografisch in einem Wort zu vereinen. „der / die KandidatIN“ oder „alle HistorikerINNEN“.

Sowas macht man in Schweden nicht. Man spricht in Stellenanzeigen nur vom Kandidaten im allgemeinen, und man duzt sich von Anfang an: „In der Position Historiker musst du stresslastig und flexibel sein… Kandidat sollte Uniabschluss haben“. Wenn man wirklich ausdrücklich unterscheiden will oder muss, setzt man einfach das Adjektiv davor. Etwa im Krankenhaus: „en kvinnlig läkare“ oder in der Schule: „en manlig pedagog“.

Mein Fazit: Auch ohne Zungenbrecher kann man sich korrekt ausdrücken.

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5 Gedanken zu “Eselsbrücke mit Geflügel

  1. *lach* also das mit Huhn und Hahn ist so naheliegend und noch nie habe ich drann gedacht. Lustig. bist du da selbst drauf gekommen? Gott sei dank habe ich mit den Basics wenigstens keine Probleme mehr. Aber mit dem verneinenden Bisats hänge ich noch gewaltig. Ich setze das „inte“ oft noch falsch. Und natuerlich hundert andere gleinigkeiten wie Partikelverben, etc.

    Und das mit der Gleichberechtigung … manchmal denke ich das nehmen die Schweden auch zum vorwand, um z.b. den Friseur fuer Maenner teuer zu machen. Das find ich irgendwie lachhaft und nicht gleichberechtigt.

  2. Vor etwa 30 Jahren kam eine Regelung vom Språknämnden wonach die männliche Berufsbenennung auch Frauen einschliessen sollte. Sehr ungwohnt am Anfang aber nach einige Jahrzehnten stört es nicht dass auch eine Frau „brandman“ sein kann. Etwas mehr Gewöhung brauchte es zu akzeptieren dass auch Männer „sjuksyster“ sein können. Neue Berufstiteln werden doch geschlechtsneutral gewählt.
    Besser ein paar Ungereimheiten (heisst es so?) als
    das IN-Ungetüm. Vielleicht täuscht man nur Frauen Gleichhet vor mit den deutschen Wort-Akrobatik?

  3. Noch besser wird es zum Beispiel bei „Dagisfröken“, so werden nämlich auch männliche Kindergärtner bezeichnet. Das nenn ich Gleichberechtigung!
    Gruß aus Örebro
    Lussekatt
    lussekattsblogg.wordpress.com

  4. Pingback: Schweden ist (geschlechts-) neutral | Nach Schweden

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