Brüderlich waschen

Bisher habe ich noch nicht soviel über die häuslichen Gegebenheiten hier erzählt. Aber es ist bei uns wie eigentlich überall in Schweden: Zu jedem guten Mietshaus gehört eine „Tvättstuga“. Das ist die Waschküche, die man sich mit allen Parteien brüderlich teilt. Da wird gemeinsam schmutzige Wäsche gewaschen, da wird Privates öffentlich, da ist Hausarbeit Arbeit, die per Zeitschema eingeteilt ist und die man zu schaffen hat, bevor der nächste kommt.

Waschen - dritte Schicht: Stempeln in der Tvättstuga

Der Waschtag verläuft in drei Schichten. Von 8 bis 20 Uhr – jeweils vier Stunden. Wir stempeln uns etwa zwei, drei Tage im voraus auf der Zeittafel ein. Unsere Schicht beginnt damit, dass wir den Wäschekorb über den Hof schleppen, hinein in die Tvättstuga. Hier warten zwei Waschmaschinen, ein Trockner, ein Trockenraum mit wehender Warmluft und zwei altmodische Waschbecken darauf, kollektiv benutzt zu werden. Der Arbeitsprozess geht unmittelbar in Gang, und das ganze Wasser, der Strom, die Energie kosten uns erst einmal nichts – sie sind wie die Maschinen gemeinsames Eigentum des Hauses. Die Nutzung geht, für alle gleich (!), in die Miete mit ein. Keine Einzelabrechnung, keine Quadratwurzeln aus Wohnfläche, Personenanzahl und Literverbrauch. Alle müssen schließlich waschen, auch Hausarbeit ist Arbeit, und in der Tvättstuga findet die Vergesellschaftung der Produktionsmittel statt. Gelebter Sozialismus in der Waschküche!

Eine Tradition, die so retro ist wie Hosenträger aus den 30er Jahren und doch so praktisch. Muss denn jeder der 20 Haushalte hier im Block eine eigene Waschmaschine haben? Private Konsumgüter, die nur Platz rauben, nächstens schleudern und zudem massive Wasserschäden an den denkmalgeschützten Häusern verursachen könnten? Eine Tvättstuga, zumal eine kollektiv gepflegte, ist doch soviel besser – denn sie steht genauso ständig zur Verfügung. Und diszipliniert gleichsam ihre Nutzer zur Zusammenarbeit. Daran ändert auch der schwedische Trend nichts, Mietswohnungen zunehmend in Eigentum umzuwandeln. Und wenn die Elektromärkte auch massiv Werbung für Waschmachinen machen – ihre Zielgruppe sind die Einzelhaus-Besitzer in der Wildnis, aber nicht die waschküchengewohnten Stadtbewohner.

Waschen im Kollektiv: die Produktionsmittel sind für alle da!

Wer sich dann vielleicht über den Biofilm in Waschmaschinen sorgt oder den Anblick von Nachbarins Rüschenblusen auf der Leine nicht ertragen kann, hat den Sinn der Tvättstuga nicht verstanden. Es geht hier nicht um die Gefühle des Einzelnen, oder um so etwas wie „Privatsphäre“. Denn das Private ist politisch, und in der Tvättstuga herrscht mitunter eine gewisse soziale Kontrolle. Sie sorgt dafür, dass nicht nur Frau Andersson wäscht, sondern dass sich ihr Mann in gleichem Maße an der Hausarbeit beteiligt. Das Heimchen an der Waschmaschine würde in der Tvättstuga ebenso entlarvt wie der Junggesellen-Messie – darum versuchen sich alle Nutzer im öffentlichen (Wasch-)Raum so korrekt und kollegial wie möglich zu benehmen.

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s