Frühstückstisch-Gedanken (4)

Göteborgs Operan, Bild: katgo

Jüngst hat meine neue Tageszeitung, der Göteborg Posten, die Situation der Göteborger Oper unter die Lupe genommen und kam zu einem ernüchternden Ergebnis. Das Opernhaus, Aushängeschild der Stadt mit jährlich über 200.000 Besuchern, scheut keine Mühen und Kosten für hochklassige kulturelle Qualität – und hat doch keinerlei internationales Renommé.

Eine Umfrage unter Kulturkennern, Musikjournalisten und Chefredakteuren auf dem Kontinent und auf den britischen Inseln unterstrich dies eindrucksvoll. Die meisten hatten noch nicht einmal von der „Göteborger Oper“ gehört und wollten sich kein Urteil erlauben. Einzig ein Autor der Süddeutschen Zeitung äußerte sich angenehm überrascht – wohl weil er aus Zufall auf die Vorstellungen der „Göteborgs Operan“ gestoßen ist.

Ist das nun gerecht? Verwunderlich?

Göteborgs Operan, Bild: katgo

Wenn man sein ganzes Leben in Göteborg oder überhaupt in Schweden verbracht hat, muss diese Ignoranz der Kontinentalbewohner geradezu ein Affront sein. Und so kam der Artikel in der GP auch ‚rüber. Klar, denn dort wo man lebt, liegt gewöhnlich der Nabel der Welt. Und wenn aus lokalem Engagement und eigenen Steuergeldern ein Opernhaus am Wasser entsteht, dann hat dies seine größte Wirkung zunächst einmal an der Stelle, an dem es stehen soll. Siehe Hamburger Opernbau. Doch dann erwartet man, dass das Projekt weitere Kreise zieht. Wie ein Stein, den man in den naheliegenden Fluss wirft.

Doch nein, die Göteborger Oper bleibt südlich der Ostsee unbekannt, kann sich nicht mit den großen Häusern vergleichbarer Städte, geschweige denn der Hauptstädte messen. Die Kulturszene hat Göteborg einfach nicht auf dem Zettel.

Linnégatan

Ich kann das teilweise nachvollziehen, auch wenn ich von der Opernwelt keine Ahnung habe. Aber beim normalen deutschen Adressaten für (zum Beispiel) Kultur-, Tourismus- oder Wirtschaftswerbung hat es Göteborg vergleichsweise schwer. Vergleichsweise deshalb, weil es nicht an der Größe und den nackten Zahlen liegen kann. Denn Göteborg ist ebenso groß ist wie Hannover, wie Stuttgart, wie Lyon oder Genua. Mit knapp 600.000 Einwohnern. Das ist kein Fliegenschiss auf der Landkarte. Und doch wird Göteborg oft angesehen wie Bad Tölz oder Handewitt.

Olivedal

Ich erinnere mich an ein Gespräch zweier Stewardessen und eines Piloten auf dem Hamburger Flughafen. Da fragte er, wohin die Damen denn heute fliegen. „Heute vormittag geht’s nach Göteborg“, lächelte die eine charmant. „Aha, nach Gööööteborg“, mit diesem langgezogenen „ö“. Und dann kicherten alle drei, als sei das unheimlich niedlich. Sicher: Man fliegt dorthin mit einer Maschine, die nur 12 Sitzreihen hat und fast nie ausgebucht ist. So gedrungen, dass eine große Flugbegleiterin nicht mal aufrecht darin stehen kann. Und dann landet man auf einem mickrigen Flughafen, der mitten im Wald gelegen ist. Das klingt lokal, klein und unbedeutend. Doch wer nur den Flughafen Landvetter kennt, hat noch lange nicht Göteborg gesehen.

Göteborgshjulet

Aber Göteborg, ja, wo ist denn das eigentlich? Erwähnt man Göteborg im Allgemeinen, sieht man richtig, wie sich beim Gegenüber ein Denkprozess in Gang setzt. Wie lang vergrabenes (Halb-)Wissen hervorgekramt wird. Schon geografisch ist Göteborg oft schwer einzuordnen. Einer meiner Verwandten glaubt bis heute, dass Göteborg nordwestlich von Dänemarks Spitze, Skagen, liegt. So in Richtung Bergen. An der Nordsee. Falsch! Als mein Liebster in Hamburg einmal von seiner Stadt erzählte, sagte ein unbeteiligter Mithörer: „Oh, guck mal, das is’n Norweger.“ Falsch! Eigentlich wissen nur ausgewiesene Schweden-Urlauber gleich bescheid: „Ach Göteborg?! Das ist da, wo die Kiel-Fähre hingeht.“ Stimmt! Endlich kennt einer mal meine neue Heimatstadt. Und dann freue ich mich.

Oskar Fredriks kyrkan

Es ist also nicht nur die Kulturszene, die Göteborg nicht auf dem Zettel hat. Wenn dort wo man wohnt, der Nabel der Welt liegt, wenn man als Mitteleuropäer so ruhig in seinem eigenen Saft schmort, dann ist alles nördlich Kopenhagens irgendwie endlose Weite. Und die Städte dort oben haben es vergleichsweise schwer, überhaupt von sich hören zu machen.

Die Göteborger sind sich bewusst, nicht im Bewusstsein des Rests der Welt zu sein. Leider wirkt sich dies manchmal negativ auf das Selbstbewusstsein aus. Fast entschuldigend sagen Freunde von mir, die ja nun aus Haaaaamburg kommt, dass Göteborg eigentlich Provinz und Kleinstadt sei. Und verglichen mit Stockholm ohnehin nur die zweite Geige spielt.

Saluhallen

Blödsinn. Wer einmal richtig diese „kleineren“ Großstädte miteinander vergleicht, der sieht, dass Göteborg Flair und Charakter hat. Flair kann jeder Flecken Erde haben, aber etwa in Stuttgart wird das Flair gerade durch einen Bahnhofsbau verspielt. Und in Hannover fehlt es meiner Meinung nach gleich ganz.

Ein Autor des englischen „Guardian“, vielleicht kein Opern-Fan aber doch ein ausgewiesener Göteborg-Kenner, hat dieses Flair einmal im Café Kringlan erlebt – und folgendermaßen beschrieben: „Es ist wie die warme Umarmung einer zünftigen Bauersfrau, die von Kopf bis Fuss in Prada steckt.“ So ähnlich ist Göteborg als Stadt: immer herzlich, immer per Du – auch wenn es sich „opernfein“ gemacht hat.

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Ein Gedanke zu “Frühstückstisch-Gedanken (4)

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