Auswandern – so geht’s auch

 

paperraincoat.com

Was macht man eigentlich, wenn ein Blog ein Jahr alt wird? Wenn es Jubiläum hat? Dieses kleine Projekt hier hat sein „Einjähriges“ unbemerkt verstreichen lassen, am 18. November, – und ich frage mich in letzter Zeit, ob es nicht vielleicht bald einen Abschluss finden sollte.

Unter „about“ stehen Sinn und Zweck dieser Text-Sammlung. Und da ich inzwischen unbestreitbar ausgewandert bin, bald ein Jahr hier in Schweden weile, ist die ursprüngliche Absicht des „Auswanderer-Blogs“ erfüllt: Alles Weitere, was jetzt noch kommt, wäre ein Tagebuch, eine willkürliche Nacherzählung, Beobachtungen, mehr oder minder intelligente Reflexionen… über das Auswandern. Und über einiges andere.

Dabei will ich doch gar nicht soviel über mich Preis geben. Muss mich hier nicht mit „Privatkram“ profilieren und will nicht als aufmerksamkeitsheischender Blogger dastehen, der eigentlich nicht mehr viel zu sagen hat. Und auch wenn ich hier jetzt „meine“ Geschichte beschrieben habe, bleibt vor allem die Erkenntnis nach einem Jahr Bloggen: Mein „Fall“ ist nicht mustergültig – meine Auswanderung nur ein Weg unter vielen.

Darum will ich sozusagen „zum Geburtstag“ mal nicht um meinen eigenen Bauchnabel kreisen, sondern über andere sprechen. Andere Aus- und Einwanderer, die ich bei der Arbeit, im Sprachkurs oder sonstwo kennen gelernt habe. Will kurz notieren, was die hier machen und warum – und wie es eben AUCH geht. Ich bin froh, sie getroffen zu haben – denn es relativiert die eigene Aufregung, den eigenen Eifer, die eigenen Sorgen… ganz bestimmt.

Da ist zum Beispiel Davide: Der so ungewöhnlich untemperamentvolle Italiener aus meinem Sprachkurs. Hat jahrelang in Deutschland studiert und spricht so gut, dass er deutsch-italienische Übersetzungen machen kann. Es hat ihn erst vor  vier Wochen von Berlin nach Göteborg verschlagen. Zusammen mit seiner schwedischen Freundin, mit der er zu Hause nur deustch spricht…

Oder Oxana: Offenbar eine neureichen Russin, die großer Nurejev-Fan ist und ihre Wochenenden mit Musicals in verschiedenen europäischen Städten verbringt. Weil ihr Mann bei Stenaline als Konsult arbeitet, bekommt sie ab und zu Pralinen vom Konzern-CEO als kleine Aufmerksamkeit. Und ist ansonsten nach schwedischem Recht „mamma-ledig“, also im Mutterschutz.

Ich habe auch Birte kennengelernt: Sie hat ihr Sonderpädagogik-Studium in Deutschland abgeschlossen, kam nach Schweden und bekam sofort die Personnumer – ohne Referenzperson oder ohne überhaupt zur Ausländerbehörde („Migrationsverket“) zu gehen. Sie musste anscheinend nur angeben, dass sie von ihren Ersparnissen lebt. Da diese jetzt aufgebraucht sind, jobbt sie erstmal hier und da.

Dann ist da Lefterris: Der junge Grieche hat in Göteborg an der Handelshögskolan Bauwesen studiert – und zwar ausschließlich auf englisch. Daher brauchte er nicht, wie das immer angenommen und angemahnt wird, das „Tisus“ / den schwedischen Sprachnachweis für Studierende. Weil er jetzt examiniert, aber immer noch hier ist, steht ihm allerdings das Migrationsverket auf der Matte – und fragt ihn, wie es weitergeht.

Und so ergeht es Galia: Kam als Au-pair-Mädchen aus der Ukraine und ist dann hier als „Barnflicka“ – Kindermädchen – hängengeblieben. Sie passt nun für 3000 Kronen im Monat auf einen verzogenen Zweijährigen auf, mit dem sie nur englisch spricht, weil die Eltern – ein Ärztepaar aus Göteborg – das irgendwie schick finden. Eigentlich würde sie lieber studieren oder einfach weiterziehen, zumal ihr Freund in Spanien lebt…

Ganz anders bei Petra: Die Gattin eines Schweizer Orgelbauers. Ihn verschlug es nach Schweden wegen der Einsamkeit und wegen der besseren Auftragslage. Nachdem er alle Orgeln im nördlichen Schweden durch hatte, zog er mit Familie nach Göteborg. Seine Frau arbeitet saisonweise als Reiseleiterin, geht ansonsten stempeln – oder jobbt, wo es sich anbietet.

Und so ist es bei Lina: Die Bulgarin ging mit 18 nach Brüssel, um Wirtschaft zu studieren. Sie holte die Familie nach, traf aber bald schon ihren Mann – einen Schweden – und zog mit ihm gen Norden. Hat heute „Villa, Vuffe, Volvo“ (Haus, Hund und Auto) im schönen Säro und will auch nie mehr zurück.

Franscesca muss man erlebt haben: Sie ist Schauspielerin aus Rom, die ihrem Heimatland wegen der dortigen Wirtschaftskrise den Rücken gekehrt hat. Nicht, dass es Schauspieler irgendwo auf der Welt leicht hätten, berühmt zu werden. Doch sie setzt auf Schweden, nicht zuletzt weil sie über die schwedische Filmindustrie – und natürlich Ingmar Bergman – eine Examensarbeit geschrieben hat.

Interessant war auch Isabel: So blond und hübsch wie eine Schwedin, aber mit typisch deutscher Arbeitsmoral: Hat erst in Dubai Hotelbusiness betrieben und ist dann ihrem schwedischen Freund gefolgt. Nach vier Wochen im schwedischen Sprachkurs SFI wurde es ihr zu langweilig, sie suchte und bekam einen Job im mittleren Management einer  Marktforschungsfirma und arbeitet da nun rund um die Uhr. Und weil im Büro alle englisch sprechen, ist sie zumindest dort „super integriert“.

Was sagt uns das – außer, dass die Welt bunt ist? Dass Menschen ihre Träume verwirklichen wollen und dafür in Bewegung sind. Nicht an die Scholle gebunden, sondern frei ihren Willen verfolgen – wie komisch es auch manchmal aussieht. Und auch wenn das Resultat manchmal nicht das erhoffte ist, so haben sie sich selbst zumindest eins bewiesen: Mut.

Alle „Avatare“ sind mit freundlicher Genehmigung von David der Seite www.paperraincoat.com entnommen.

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Ein Gedanke zu “Auswandern – so geht’s auch

  1. Hej,

    schön mal wieder von dir zu lesen und alles gute dem Blog zum Geburtstag. Ich wuerde mich freuen auch weiterhin von dir zu lesen, somals auswandern nicht nur Sache von einem Jahr ist. Ich denke der Prozess stoppt vielleicht nie, wer weiss. Natuerlich ist es deine Sache – du hast ja auch geschrieben es soll weniger um dich selbst gehen.
    Ich schreibe ja immer ueber mich selbst – aber ohne mich profilieren zu wollen um ehrlich zu sein. Vielleicht mehr als Tagebuch, das kann schon sein. Ich denke nicht das wirklich jemand meinen Blog liest und am meisten ist mein Ziel, mich in späteren Jahren erinnern zu können und vielleicht auch jemanden mit dem ein oder anderen Artikel zu helfen (links zu einzelnen beiträgen ohne meine tapeten und meine herbstfotos kann ich ja auf bedarfs verschicken)
    Ich habe morgen muendlichen Nationaltest und am Donnerstag schriftlichen Nationaltest des C-Niveaus von SFI und möchte danach auch gerne wieder einen Eintrag darueber schreiben und berichten.
    Ich hoffe wir lesen uns auch in Zukunft, ich fand deinen Blog oft sehr sehr lehrreich und interessant.

    Gruesse aus Värmland
    Rädisa

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