Der Nerd und der Kaufmann

Jetzt wäre es ungefähr an der Zeit, die rosarote Brille abzunehmen – wenn ich den ewigen Auswanderer-Pessimisten glauben soll. Ich bin jetzt ein dreiviertel Jahr hier und aus der Erwartung wird immer öfter – Wartestellung. Ich muss im Moment auf sovieles warten: Auf Mailantworten oder Feedback. Auf neue Aufträge. Auf die Firma, die mich anrufen wollte. Auf meinen Arbeitsamt-Berater, der erstmal eine herbstliche Weinwoche im Elsass verbringt. Ich warte auf Ingela, die meinen Antrag für „starta-eget“ bearbeiten wollte. Und auf Papas Paket mit den Thrüringer Würstchen. Darauf, dass es meiner Mutter wieder besser geht und wir sie besuchen können. Darauf, dass mein Honorar bezahlt wird und dass sich in meinen Bewerbungen etwas tut. Ich bin bestimmt in 20 verschiedenen Kandidaten-Datenbanken und bekomme von denen immer nur neue Passwörter und Logins zugeschickt. Im Grunde muss ich auf einen Wirtschaftsboom warten. Und gestern musste ich sogar auf meine Kollgenen von der Tanzgruppe warten – vergebens, denn das wöchentliche Training fiel einfach aus. Kleine Frustbolzen, die sich hier und dort ins Herzchen bohren…

Den Auswanderer-Pessimisten aber sei gesagt: „Schweden an sich“ kann dafür nichts – im Gegenteil. Schweden „tröstet“ mich immer wieder und mein Liebster hilft mir, die Geduld zu wahren. Die Stadt, das Land, die Leute .. sie motivieren mich weiter, laden mich ein, spornen mich an, „dazugehören“. Tatsächlich brauche ich (meist) einfach nur rauszugehen, um bessere Laune zu kriegen. Wenn der Mann mit der Quetschkommode in Hagas Straßen alte Göteborger Gassenhauer singt, habe ich die Lieder für den Rest des Tages im Kopf. Und weiß im Grunde, dass ich nur über Alltagsproblemchen jammere. Und wer braucht schon eine rosarote Brille? Ich bekomme stattdessen jetzt eine Lesebrille (ja, es ist soweit). Denn ich habe mich für Herbst und Winter mit Krimis eingedeckt. Mit schwedischen Krimis – und die sind sowieso die besten.

Wenn schon keine rosa Brille, dann wenigstens eine zum Lesen

Ich habe hier eine deutsche Bekannte gefunden, die in einer ähnlichen Lage steckt wie ich und wir klucken manchmal zusammen. Sie arbeitet stundenweise in einem Übersetzungsbüro und reist ansonsten mit ihrem Freund herum, der Aufträge an verschiedenen nordischen Orten hat. „Fehlt dir nicht die langfristige Perspektive?“, fragt sie mich dann und spielt auf unsere prekäre, bohemische Situation an. Halb freischaffend, halb arbeitslos, auf jeden Fall recht arm, aber reich an guten Ideen gehen wir wartend und erwartungsvoll in jeden neuen Tag. Und nein, sie meint nicht die Perspektive „Volvo, villa, wuffe“ („Auto, Haus und Hund“) als Inbegriff des gesettelten Lebens – nicht nur in Schweden. Wer das mit Ende 30 nicht hat und zudem noch kinderlos ist, hat ohnehin ein anderes Leben gewählt. Sie meint die berufliche Perspektive und dass man sich irgendwann nicht mehr so abzustrampeln braucht.

Irgendwo habe ich gelesen, dass nach der Wirtschaftskrise mehr als die Hälfte aller Arbeitsverträge in Schweden zeitlich begrenzt sind. Die Firmen wollen niemanden mehr „so richtig“ einstellen. Das Vikariat, über das ich schon geschrieben habe, ist inzwischen die gewöhnliche Form der Anstellung. Es wird für ein Projekt beauftragt und danach sagt man „Tschüß“ – ohne weitere Bindungen. Und dass man nur mit Vitamin B etwas Gutes bekommt, war ja schon immer so. Nur: In einer kleineren Stadt wie Göteborg wird mir das jetzt noch viel stärker bewusst…

Es gibt ein Arbeitsleben in zwei Klassen: Einmal mit denen, die seit Ewigkeiten im selben Betrieb arbeiten, dreimal am Tag „Fika“-Pause machen und eigentlich unkündbar sind. Und dann die anderen, die man für Auftragsspitzen reinnimmt, die Kleinunternehmer und Krauter, die trotz hoher Qualifikation nicht wirklich den Fuß in die Tür bekommen. Ihr Luxus ist es, mal mitten in der Woche um 9 Uhr aufzustehen und erstmal Kaffee vor dem PC zu trinken, bevor sie gegen 10 aktiv werden; drei, vier Mails schreiben (und auf die Antwort warten), einen Artikel fürs Blog und einen für die Schublade. Die sich um 12 Uhr langsam fertig machen und gegen 14 Uhr irgendwo einen billigen Lunch kaufen oder ein „Fikabröd“.

Hier philosophieren sie dann über ihre neuesten Projekte und Ideen: „Man könnte doch einen Göteborger Gastro-Guide im Internet veröffentlichen. Oder ein Reportage-Portal“. „Ja, genau! Wir brauchen nur jemanden, der uns Anzeigen besorgt, Werbeeinahmen“. „Stimmt…“ „Hmmm“. Der Nerd kann nicht ohne den Kaufmann. Darum wird am Nachmittag auch wieder eine klassische Bewerbung fertig gemacht. Und warum kann ich das wohl alles so gut beschreiben? Weil das derzeit mein Alltag ist. Alles andere als grau – aber auch nicht gerade rosarot. In Wartestellung. Und die Zukunft ist offen wie der Himmel.

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2 Gedanken zu “Der Nerd und der Kaufmann

  1. liest du denn die schwedischen krimis auch schon auf schwedisch? hut ab! ich lese auch viel, aber noch in englisch. ich habe mir gerade ueberlegt, ob ich mich an ein buch wagen soll das ich in englisch und deutsch schon kenne. denn diese ganzen schwedischen kinderbuecher sind zwar nett aber komplett langweilig.
    Schön das du eine deutsche Freundin gefunden hast, das ist sicher eine grosse Hilfe. Ich hatte gestern das erste mal Fika in der Stadt mit zwei „Freudninnen“ aus meinem Kurs und da fuehlte sich alles schon viel mehr nach Heim an. Trotz all deinem warten (und das warten auf heimische Päckchen ist doch das schönste, oder? 🙂 ) scheinst du recht akklimatisiert und recht positiv – ich find das super und du wirst sehen, nächstes Jahr bist du auch nicht mehr irgendwo „zwischendrinnen“. Ich selbst bereite mich auf 2,5 Jahre studieren vor … ich will alles machen SFI C & D, SAS, Schwedisch A , Schwedisch B … und dann mal weitersehen. Natuerlich hoffe ich leidenschaftlich das ich einen Teilzeitjob finde. Aber mal schauen – alles in allem haben wir mit dem pessimistischen Auswanderer nichts gemein glaub ich. Und mit den ollen Auswanderershows schon gar nichts. Wenn ich mich zuruecklehne und aus dem Fenster ueber den glitzernden See gucke, weiss ich das ich die beste Entscheidung meines Lebens getroffen habe und kein warten und kein Stolperstein wird mich das jemals bereuen lassen.
    LG
    Rädisa, die heute mal zu Vårdcentralen tapsen muss, weil ihr Ruecken mindestens 50 Jahre älter als sie selbst ist.

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