Liebe im Kulturbetrieb

Da saßen sie nun alle hübsch versammelt – in einer Ecke der Stadtbibliothek. Die Freischaffenden und Freelancer, die Künstler und Kapeiken. Eingeladen vom Finanzamt zu einer Infoveranstaltung über „kulturverksamhet“, was übersetzt soviel bedeutet wie „Kulturbetrieb“. Doch es ging ganz konkret darum, wie man in demselben eine Firma gründet und was man zu beachten hat.

Für mich ging es mehr um die Frage, ob man davon leben kann…

„Verdiene Geld mit dem, was du liebst“, ist die vollmundige Aufforderung der Behörde an alle, die aus ihrem Steckenpferd einen Kleinbetrieb machen wollen. Wo Steuern zu holen sind, ist das Amt natürlich gern behilflich. In Europas Steuerland Nr. 1 (vermutlich), muss es aber schon etwas mehr als ein Steckenpferd sein, wenn man sich das Ganze antun will. Nur wer wirklich mit Leidenschaft dahinter steht (oder nichts anderes kann), wird als „egenföretagare“ glücken. Denn leidenschaftlich kommt von „leiden“…

Bescheidenheit, in Bronze gegossen: Die Dichterin Karin Boye vor der „stadsbibliotek“ in Göteborg.

 

Das Rechenexempel des Steuerwerkes (skatteverket) war sehr simpel – und zugleich so entmutigend. Sie gingen aus von Einkünften aus selbständiger Arbeit von 50.000 Euro im Jahr (ohne Mehrwertsteuer). Berechneten Kosten von 30.000, also einen Gewinn von 20.000. Weil der egenföretagare ja all seine Sozialabgaben selber trägt, zieht man 25 Prozent davon als Steuerfreibetrag ab – und dann wird es ernst: Nach „Egenavgift“ und Einkommensteuer bleiben 12.780 Euro zum Leben übrig. Die Steuern werden im voraus vom Unternehmer selbst berechnet – und wenn das Jahr besser oder schlechter läuft, wird am Ende eben ausgeglichen.

Zugegeben. In diesem Beispiel sind die Kosten etwas zu hoch angesetzt. Für „meinen kleinen Kulturbetrieb“ brauche ich nichts weiter als meinen Computer, das Telefon und manchmal das Auto. Aber dennoch: Wenn ich so in die Runde bei dieser Infoveranstaltung blicke: Wer von den dort Anwesenden, die Solo-Sängerin, der Fotokünstler, die Grafikerin oder der Improvisationstänzer… Wer von denen bekommt denn schon Aufträge, die ihm jährlich 50.000 Euro (ohne Mwst.) einbringen? Dafür muss man monatlich Rechnungen in Höhe von mehr als 4.000 Euro schreiben – und genau da liegt meiner Meinung nach das Problem. Es sind nicht die Steuern oder die Kosten, es ist die Auftragslage – und die Zahlungsmoral der Kunden.

Denn der Kulturbetrieb ist grausam. Und Schreiben ist Selbstausbeutung. Als ich vor knapp 20 Jahren als freie Mitarbeiterin bei der Lokalzeitung angefangen habe, bekam ich 40 Pfennig pro Zeile. Heute – mit den diversen Pauschalen und umgerechnet – ist es mitunter die Hälfte! Redakteure machen auf Xing sarkastische Witze über Stundensätze von 5 Euro. Eigentlich sollten es 50 sein. Und die freie Schriftstellerei – naja, da steige ich schon gar nicht mehr durch. Nach dem, was ich auf der Buchmesse gesehen habe, scheint es inzwischen mehr Buchtitel als Leser zu geben. Und die Hälfte des Angebots ist „printed on demand“, dient also lediglich der Selbstverwirklichung der Autoren.

Mit dem „was man liebt“, ist in unserer Bransche anscheinend kein Geld zu verdienen.

Es wurde jedenfalls recht still in der Berzelii-Ecke der Stadtbibliothek, als jeder Anwesende sich insgeheim seinen Netto-Schnitt im Kopf ausrechnete. Aber schlimmer als die schwedische Steuerlast wog noch die Buchhaltungspflicht, über die das „Skatteverk“ uns anschließend informierte: Dass auch Künstler und Urheber über ihre Umsätze Rechenschaft ablegen müssen, dass sie ein Rechnungsbuch in schwarzer (nicht etwas blauer!) Schrift führen und mit der Mehrwertsteuer jonglieren müssen. Fassungslose Gesichter und viele amüsante Nachfragen folgten.

So braucht ein auftretender Künstler keine Mwst. auf seine Rechnung an den Veranstalter zu schreiben. Veranstaltet er selber, muss er jedoch 6 Prozent auf die Eintrittskarten aufschlagen. Schreibe ich einen Artikel oder übersetze einen Text, geht das mit 6 Prozent Mwst. Erstelle ich aber eine Reklambroschüre, so sind es 25 Prozent. Auch für Fotografien muss der volle Mwst-Satz bezahlt werden. Was, wenn ich nun beides an eine Redaktion liefere: Text samt Foto?

Das Ganze wurde irgendwann zu kompliziert, so dass das Steueramt uns einfach seine Broschüre empfahl: „Moms inom kulturområdet“

„Was man liebt“, was als „die schönen Künste“ oft so hoch in anderen Sphären schwebt, wurde also gründlich in die Niederungen der Kleinst-Betriebswirtschaft heruntergezogen. In die profane Administration, in die piefige Erbsenzählerei.

Trotzdem: Die letzte Woche habe ich einen „Affärsplan“ und ein Budget erstellt und werde nun die Starthilfe für ein Eine-Frau-Unternehmen beantragen. Denn wo Steuern zu holen sind, sind die schwedischen Behörden gern behilflich. Und mit den paar Rechnungen werde ich schon fertig. Nur ob man davon leben kann, ist wieder eine andere Frage.

Verwandter Artikel: „Starta eget“

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2 Gedanken zu “Liebe im Kulturbetrieb

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