Von Wein und rohen Eiern

Wer sagt, ich sei in letzter Zeit recht schreibfaul, der kriegt eins auf die Mütze.

Denn ich hab ZU TUN!

So ehe ich mich versah, bin ich nach dem Sommer tatsächlich zum Freiberufler geworden. Habe inzwischen meinen zweiten größeren Übersetzungsauftrag und wage die ersten längeren Geschichten aus Schweden für geneigte Leser in Deutschland. Das heißt, ich habe meine ersten Interviews und Reportagebesuche auf schwedisch gemacht. Bin nach Skåne gefahren, um zwei verrückte Winzer zu besuchen, die richtig guten Roten für den lokalen Markt herstellen. Und ich habe mit dem Stena-Pressemann zusammen gebrainstormt, welche Logistik-Themen für uns in D interessant und machbar wären.

Das hört sich alles ganz gut an, nur: so richtig zufrieden bin ich mit dem Verlauf dieser Gespräche natürlich noch nicht. Nicht nur, dass jetzt alles viel länger dauert – Vorbereitung, Nachbereitung – das macht ja sogar noch Spaß. Es ist vielmehr, dass ich mich auf einmal so unprofessionell fühle. Wie ein Volontär beim ersten Außentermin: „Kinderfest bei der Awo“.  Ich bewege mich kommunikativ noch immer auf rohen Eiern. Erst recht, wenn ein Gespräch fachlich in die Tiefe geht.

Eine Reportage ist dennoch draus geworden. Aus meiner Fahrt in diese liebliche „schwedische Provence“, wo es Schilf und Schafweiden (und auch die „Ales Stenar„) gibt. Und dann steht da plötzlich ein großes Weinfass neben einem typisch-skånischen Strohdach-Haus und kündigt an:  „Hier finden Sie den guten Österlen-Wein!“ Das war doch alles recht bizarr.

Wein mit nassen Füßen - in Skåne

Wenn da nicht die beiden Winzer gewesen wären – so zauberhaft bodenständig und normal. Keine abgedrehten Spinner – wenn auch ein ungleiches Paar. Im Interview saß ich zwischen dem „good cop“ und dem „bad cop“ – der eine auf meiner Wellenlänge, der andere etwas reserviert. Wahrscheinlich dachte er, ICH sei der Spinner – der einfach drauf los recherchiert und ein Exotenthema in deutsche Zeitungen bringen will.

Genau das ist nun auch mein Problem. Soll ich Redaktion nach Redaktion anrufen, um meinen Artikel an den Markt zu bringen? Wenn ich das Prinzip Gießkanne preisen würde, wäre ich Verkäufer geworden und nicht Redakteur. Ich habe vielleicht drei, vier Objekte im Auge, die sich interessieren könnten – und nochmal dieselbe magere Anzahl persönlicher Kontakte (die aber dankend abwinken werden, weil „Wein aus Schweden“ für ihrem Titel nicht infrage kommt).  So kühn wie ich mich in das sprachliche und berufliche Abenteuer stürze, so mutig ich auf den rohen Eiern balanciere, so verzagt bin ich bei der Kundenakquise und in der Vermarktung meiner Leistung.

Somit gefällt mir nur die eine Hälfte des Freiberufler-Berufs. Die andere Hälfte quält mich mehr als jeder Chef es könnte…

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Frei – beruflich

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2 Gedanken zu “Von Wein und rohen Eiern

  1. Hej „Schwester“ 😉

    Also ich bewundere deine Fortschritte. Wie schnell du dich getraut hast in schwedisch loszulegen. Wie schnell du es zu einem Sommerjob und nun zur Freiberuflichkeit geschafft hast. Ich weiss nicht welches Sternzeichen du bist, aber du scheinst ein Perfektionist zu sein. Ich kenne das von mir, man ist nicht sehr leicht zufrieden mit sich selbst und seinen eigenen Leistungen, vorallem wenn man sich daran messen muss.
    Ich verstehe was du schreibst, trotzdem finde ich, du solltest dich zuruecklehnen, die Nase in die kuehler werdende Herbstluft strecken und verdammt stolz auf dich sein. Es ist noch nicht ein Jahr vergangen, Blick zurueck wo du damals warst. Bist wartend in deinem Job gesessen und hattest noch alles vor dir. Ich kann mich noch gut an den Artikel erinnern, in dem du schriebst all die Pläne fuers nächste Jahr tangieren dich nicht mehr. Mir ging es ja genauso. Aber du hast ganz schön was auf die Beine gestellt, „alte Schwedin“ 🙂 zumindest ziehe ich den Hut vor dir und ich sollte ja wissen wovon du sprichst. Ich bin ja nicht eine zuhause gebliebene, die sich nicht im Traum vorstellen kann auszuwandern und ueber all das nur verwundert den Kopf schuettelt. Ich bin eine, die in den selben kalten Fluss gesprungen ist – aber noch lang nicht dort angelangt ist wo du heute bist. Von dem her, bist du eine „kleine“ Heldin fuer mich. Mach weiter so … und ja … danke fuer deine messi, ich verspreche ich update meinen Blog. Wenn ichs schaffe noch dieses WE. Deine Artikel inspirieren mich auch immer wieder, auch selbst zu berichten.

    du få ha en trevlig helg
    rädisa

  2. Aww.. danke für das dicke Lob. Da werd ich ja rot. Dabei bist du ja genauso mutig, wenn ich noch mehr: du bist ja nicht nur in ein neues Land gegangen, sondern hast das Stadtleben hinter dir gelassen, um Landluft zu schnuppern. Und kann es sein, dass das Landleben in Schweden dich viel gelassener macht, stressfreier, glücklicher? Ich bin ja heute mehr Stadtkind als je zuvor – sehe die viel gerühmte „schwedische Natur“ auch nur bei Wochenend-Ausflügen. Der richtig große Schritt wäre gewesen, von der Metrolpole ins „glesbygd“ zu ziehen. So wie du. Ich will ein Sommerhaus in Värmland 🙂 „wo ich in Ruhe mein Buch zu Ende schreiben kann“.
    Viele Grüße, Bilbo. eh.. nein: katgo 😀

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