Trockene Veranstaltung

 

Carlshamns Flaggpunsch

Die Skandis und der Alkohol – eine unendliche Geschichte. Fast schon legendär. „Man sagt“, sie seien alle sehr trinkfest und nie einem Gläschen abgeneigt. „Man sagt“, der Alkohol sei in den skandinavischen Ländern so unendlich teuer und darum werde auch – „so sagt man“ – ordentlich gesoffen, wenn sich die Gelegenheit ergibt. „Halbvoll ist rausgeschmissenes Geld“, das habe ich von meiner Familie isländischerseits schon öfters gehört. Ich hörte auch Geschichten von Schweden, die fröhlich und ausgelassen die Stena-Fähre in Kiel verließen, nur um Alkohol im gegenüberliegenden Supermarkt zu kaufen. Die freundlich, aber stockbreit durch die Stadt zogen und sich am Abend wieder artig auf den Weg nach Hause machten. Mit einem Hackenporsche voller Bier. Ich weiß von meinen schwedischen Freunden, dass sie auf der Hamburger Reeperbahn keine Happy hour auslassen, und dass mein älskling – zumal bei Cocktails – dabei jedes Mal strahlend die Kreditkarte zückt, weil: es ist ja alles sooooo billig.

Und daheim in Schweden? Ein Jammertal. Ein Siechenheim aus sozialer Kontrolle und überzogenen Preisen. Die Trinkkultur hierzulande zeichnet sich durch Heuchelei und Heimlichkeit aus. Und durch den Ärger darüber, dass jenseits des Meeres alles so ganz anders ist. Eine Tatsache, die ich als Bierstand-gewöhnte Deutsche äußerst argwöhnisch betrachte. Es ist beinahe so, dass der Staat Schweden seinen Bürgern keinen verantwortungsvollen Umgang mit dem Hoch- und Tiefprozentigen zutraut. Und vielleicht hat er sogar recht – aber ist es nicht so, dass gerade das Verbotene, das sozial Geächtete so sehr zum Probieren reizt?

 

"Ordningsvakt is watching you"

Ein Beispiel. Auf dem Kulturkalas, dieser vorzüglichen Open-Air-Veranstaltung in Göteborg, findet man an jeder Ecke eine Bühne oder ein Happening – aber keinen einzigen Bierstand. Das kann man gerade noch verschmerzen, weil ja die Events so viel zum Gucken und Mitmachen bieten. Aber bei einer wirklich guten AC/DC-Coverband, an einem lauen Samstag abend, geriet das Ganze ohne Bier doch zu einer recht trockenen Veranstaltung. Natürlich hatte ich vorgesorgt und eine Dose König in die Tasche gesteckt. Aber: in Schweden kontrolliert der Staat nicht nur den Alkoholhandel, sondern auch das Trinken in der Öffentlichkeit. Streng genommen darf man auf offener Straße keinen Alkohol konsumieren – und beim Kulturkalas wurde besonders penibel darüber gewacht. Da ging durch die rockende Menge vor der Bühne doch tatsächlich „Ordningsvakt“-Personal und tippte all jene an, die sich ihre Dose bereits aufgemacht hatten. Die Deliquenten verpieselten sich, peinlich berührt, in den angrenzenden Park – und tranken für sich alleine. Und welch eine Doppelmoral… denn hier war die Ordningsvakt plötzlich nicht mehr zuständig.

 

Open-air-Genuss in Göteborg

Derart obrigkeitlich beäugt fühlte ich mich als fast 40-jährige jedenfalls wie im Schullandheim. Meine König-Dose habe ich wieder mit nach Hause genommen. Die Alternative ist also tatsächlich das Trinken in den eigenen vier Wänden – oder das Zähneknirschen im Lokal. Von den horrenden Preisen hatte ich bereits berichtet. Ein mehr oder minder gepflegtes Bier kostet zwischen 39 und 64 Kronen in der Kneipe. Bei dem schlechten Euro-Kurs kann man das derzeit nicht einmal mehr mit 10:1 umrechnen. Man wird nicht nur arm, man hat auch einfach keine Lust, Alkohol zu sich zu nehmen – und das bringt eine ganze Nation „Zukurzgekommener“ hervor, „denn wollen würden sie ja schon ganz gern“… das sehe ich allein beim Schnaps-Bingo auf der Fähre zum Kontinent.

 

Bild: Sydöstran

Was ich damit sagen will: Verbote sind scheiße. Sie führen dazu, dass es in jedem schwedischen Kaff eigenen Schwarzgebrannten gibt: den guten „Chateau Garage“ mit einem roten Kreuz auf dem Kanister (das rote Kreuz braucht man wahrscheinlich hinterher…). Verbote lassen den Schwarzhandel florieren – nach Ladenschluss des Systembolags schlägt die Stunde der Weiterverkäufer und illegalen Importe. Verbote lassen Jugendliche Papas guten Whiskey mit Cola mischen und in eine erbärmliche Plastik-Flasche füllen. Verbote lassen Leute in der Bude hocken, anstatt rauszugehen. Die sehr eigentümlichen schwedischen „Vorfeste“ („Förfest“) sind allein dazu angetan, sich günstig anzuschickern, bevor man in die Disco geht. Und meistens kommt es gar nicht mehr dazu… Verbote sind nun einmal dazu da, umgangen zu werden. Ich glaube, das schwedische System hat noch keinen wirklich davon abgehalten, zu trinken. Dass es hier inzwischen auch feinste Weine und teuerste Whiskys im Alkohol-Geschäft gibt, ist für mich mehr ein Alibi denn ein Sinneswandel. Ich finde: Stellt ihnen einen Bierstand hin und alle sind glücklich! Auch ohne über die Stränge zu schlagen. Denn wenn Bier und Wein etwas Normales und vor allem etwas „Verfügbares“ ist, kann man es auch getrost einmal auslassen. Mit Restrinktionen im Nacken trinkt man selbst, wenn man gar nicht in der Stimmung ist. Und das ist irgendwie erst recht verkehrt.

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2 Gedanken zu “Trockene Veranstaltung

  1. Pingback: Wochenend-Syndrom « Nach Schweden

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