Wo die Wurst noch „die Wurst“ ist

Geht es um „Schweden kulinarisch“, denken die meisten Deutschen zuerst einmal an „köttbullar“ (sprich: „schöttbüllar“!!!). Das liegt daran, dass der Möbelriese Ikea jährlich weltweit 150 Millionen davon verkauft. Dabei ist im Land der kleinen Klöpse ein ganz anderes Fleischgericht viel populärer: und zwar die Wurst. Sie kommt in Schweden sogar öfter auf den Tisch als die Tiefkühl-Pizza und nimmt damit den ersten Rang auf der Schnellgericht-Skala ein.

Bild: flickr.com

Das bedeutet allerdings nicht, dass die Wurst in Schweden super-gut ist. Wo es an Qualität und Geschmack mangelt, kann sich kein internationaler Ruf entfalten – wie etwa bei der weltberühmten „Thüringer“. Die Schweden haben ihr Wurst-Phänomen also ganz für sich allein. Und machen kein großes Theater drum.

Wenn die Wurst im Brot („korv med bröd“) derzeit für umgerechnet 1,50 Euro am Straßenkiosk über die Theke geht, ist das ungefähr der gerechte Preis für das, was man bekommt: Ein schlappriges Bockwürstchen im Hot-Dog-Brötchen, das in zwei, drei Happsen aufgegessen ist – herzhaft und für den schnellen Hunger.

Ein anderer Klassiker ist die Wurst mit Püree („korv med mos“), die etwa in der ur-schwedischen Hamburger-Bräterei „Sibylla“ den Speiseplan bereichert. Kann man auch selbst zu Hause machen – nur dann muss man vorher in den Supermarkt gehen und sich durch das Wurstsortiment wühlen. Will man nicht braten, nimmt man am besten die roten Würstchen nach dänischer Pölser-Art.

Bild: Tasteline

Eine kleine Wiener Wurst, nur leider viel zu salzig und rauchig, ist die „Prinskorv“. Sie eignet sich nicht nur als Frühstückswurst, sondern ist der Prinz auf dem Buffet zu Mittsommer und Weihnachten! Zur Zierde schneidet man sie an den Enden kreuzförmig ein, was so aussieht wie kleine Schweinefüße. Zu allem Überfluss wird die Prinskorv dann auch noch scharf angebraten – was Räucherware bekanntlich schlecht bekommt.

Überhaupt sind die meisten Würste eher zum Brühen geeignet, aber das hat sich zumindest in meinem schwedischen Bekanntenkreis noch nicht herumgesprochen.

Die ausgewiesenen Bratwürste hingegen sind eine rechte Enttäuschung für Leute aus dem Wurstland Deutschland. Gerade erst in der Grillsaison musste ich wieder diese Erfahrung machen. Zwar werden Bratwürstchen in allen Varianten vor „Chorizo“ bis „Käsekrainer“-Art geboten. Doch wenn sie erstmal fertig sind, schmecken sie alle irgendwie gleich – vor allem fettig. Mit zäher, manchmal harter Haut und zu weichem Innenleben. Ein bisschen wie diese neumodischen Geflügel-Würstchen. Ein wenig kann man der Konsistenz nachhelfen, wenn man die Würstchen vor dem Grillen einritzt und sie ordentlich ausbraten lässt.

Bild: Flickr.com

Die einzige schwedische Wurst mit geschützter Bezeichnung (soweit ich weiß) ist die Falukorv – „Wurst aus Falun“. Wurde von den Bergarbeitern in der Falun-Kupfer-Mine erfunden – wahrscheinlich hatte ein Deutscher seine Finger im Spiel. In der Art einer Lyoner wurde sie ursprünglich aus Ochsenfleisch gemacht und so falunrot eingefärbt wie die schwedischen Holzhäuser.

Bild: expressen

Eine mild geräucherte Fleischwurst, die ihre feste Konsistenz durch Kartoffelstärke bekommt. Schmeckt gut und geht in Schweden oft als Ersatz für „ein Stück Fleisch“ im Alltag durch. Dabei wird sie leider auch wieder… gebraten und mit Maccaroni oder Mus als Beilage verzehrt. Schöner ist es, sie in einem Kartoffel-/ Gemüseauflauf zu verwerten, in Nudelsahnesauce zu würfeln oder mit Paprika und Käse im Ofen zu überbacken. Aber das macht ja mehr Arbeit als die Wurst in Schweden würdig ist…

Ohnehin hat kaum eine dieser Würste das Zeug kulinarische Würden zu erlangen. Nicht mal in der Kultszene gelten sie als hip, so wie etwa die Currywurst in Deutschland. Und dass die Falukorv immerhin noch in einem berühmten schwedischen Softporno aus den 70ern eine Rolle spielte, macht sie auch nicht appetitlicher…

Aber alles hat seine Zeit – und seine Zielgruppe. So werden im Internet-Versand „Schweden-Markt“ die dürren Pölser, die man nur notgedrungen auf der Fähre bestellt, zu echten Liebhaber-Preisen verkauft: 6 Stück für 6,26 Euro. Und während des „Kulturkalas“ in Göteborg freut sich der Schwenkgrill-Stand aus Schleswig-Holstein, dass die Schweden ihm die Schinkenwurst für 45 Kronen (4,50+ Euro !) aus der Hand reißen.

Tja. Und wir fahren demnächst extra nach Deutschland, um Kohlwurst für den Herbst zu kaufen. Und ein, zwei Packen Thüringer Griller – auch wenn die Grillsaison vorbei ist. Die Rettung aller in Schweden gestrandeten Wurst-Fans wartet übrigens bei Lidl: die haben „Original Nürnberger Rostbratwürstchen“ – und zwar das ganze Jahr!

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2 Gedanken zu “Wo die Wurst noch „die Wurst“ ist

  1. Pingback: 2010 in review « Nach Schweden

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