Untote Urwald-Pflanzen

Hui, aus unserem romantischen Hof in Haga ist über Nacht ein Regenwald geworden. Es gießt über den ausladenden Flieder runter auf den Efeu, der sich streckt und freut. Als wollte er ins Haus hinein kriechen. Und inmitten der grünen Hölle müssen wohl bald Orchideen wachsen – wenn der Sommerregen so weitergeht.

Überhaupt: Orchideen! Kaum ein Gewächs ist populärer in Schweden. Orchideen und Avocados (zu denen aber später). In jedem schwedischen Wohnzimmer, das ich bisher betreten habe, steht mindestens eine Orchidee. Das Ganze scheint eine Stilfrage zu sein. Denn das überaus schlichte, nordische Möbel-Design schreit geradezu nach einem exotischen Solitär, der mit seinen wollüstigen Formen einen Kontrapunkt setzt. Skandinavische Kiefer kombiniert mit  Knabenkraut vom Amazonas!

 

Warten und wachsen im Wohnzimmer

Daran ist Ikea natürlich nicht ganz unschuldig. Der verschleudert diese königlichen Gewächse ja geradezu zu Spottpreisen. Eine Mono-Kultur von Orchideen schließt jeden Rundgang durch die Ikea-„Schnickschnack-Abteilung“ ab. Und andere Geschäfte machen es dem Möbel-Riesen längst nach. So dass man in jedem Supermarkt neben der Petersilie einen Orchideen-Stand findet.

Trotzdem ist und bleibt die Orchidee – selbst in Schweden – etwas Besonderes. Eine Pflanze „nur vom Feinsten“. Edel und empfindlich. Muss gepflegt werden. Wie die Freundschaft.

Die erste Blume, die ich von meinem Liebsten bekommen habe, war eine Orchidee. Damals noch als unverblümtes Dankeschön nach einem Sightseeing in Hamburg. Und wie immer, wenn ich eine Orchidee bekomme, überwog nicht die Freude, sondern die Angst um das empfindliche Gewächs. „Wenn die mir bloß nicht eingeht“, dachte ich noch… Vier Wochen später war die Blume tot. Da konnte ich nicht einmal mehr dem Fleurop-Versand die Schuld geben.

Obwohl ich mittlerweile gelernt habe, dass „tot“ nicht gleich „tot“ ist. Natürlich haben auch wir Orchideen im Wohnzimmer. Die zwei Pflanzen meines Freundes, Phalaenopsis, befinden sich bereits seit Jahren in diesem unheimlichen, untoten Zustand. Wir nennen sie daher auch „Scourchids“ und nicht „Orchids“. Eine Plage, die einfach nicht tot zu kriegen ist… Denn wenn sie nicht blühen, dann warten sie. Oder wachsen in schwindelerregenden Schüben. Da kriecht dann plötzlich etwas Grünes wie lange Spinnenbeine über den Topfrand. Ein Stengel schießt innerhalb von 10 Tagen geradezu unanständig in die Höhe. Und die sukkulenten Blätter hängen ‚rum und sehen aus wie verdurstete Zungen.

Wie bei echten Mutanten kann man bei unseren Orchideen nicht Wurzel von Stock, und Stock nicht von Stengel unterscheiden. Sie haben ja auch noch nie den Topf gewechselt – und nur in der größten Sommerhitze ihren Standort auf der Fensterbank verlassen. Mein Süßer meint ja, die unmenschliche Behandlung mache die Pflanzen nur noch härter – und somit zu echten „Scorchids“. Wie im Boot Camp müssen seine Schützlinge wochenlangen Wasserentzug, UV-Verstrahlung, Überschwemmungen und extreme Temperaturen über sich ergehen lassen.
Wenn die Orchideen dann tatsächlich für zwei, drei Wochen im Jahr erblühen, denke ich immer an Zombies oder Vampire – deren Zeit gekommen ist.

Man sieht – so ganz kann ich mich mit Orchideen nicht anfreunden. Denn ihr Platz ist nicht hier – im schwedischen Wohnzimmer. Sie sollten artgerecht gehalten werden. Vielleicht stelle ich sie einfach mal raus in den Regen…

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s