Tänze vom Kontinent

Was braucht der Mensch zum glücklich sein? Eine Arbeit und einen Verein… Das ist doch eigentlich typisch deutsch, oder? Zugleich sind es genau diese beiden Dinge, die mir derzeit die Gewissheit geben, in Schweden richtig Fuss zu fassen. Über die Arbeit habe ich schon berichtet – über das Vereinswesen kann man mindestens genauso viel erzählen.

Doch das Schönste ist, dass ich hier endlich etwas gefunden habe, wonach ich in (Nord-) Deutschland vergeblich gesucht habe: eine Renaissance-Tanzgruppe! Wow! Es sind genau die Tänze, die es sonst nur bei den Herr-der-Ringe-Festen in Workshops gegeben hat – und genau die Musik, die ich sonst nur allein im Auto höre. So richtig schön schräg. Und alt. Aber nicht ausgestorben. Das sieht man an der quicklebendigen Tanzgruppe aus Göteborg: „Gratiosa“ nennen sie sich – und ich darf seit Mai mittun. Authentische Kostüme und Auftritte inklusive !

Gekommen ist das Ganze durch einen Artikel in der GP – Göteborg Posten. Die Gruppe führte anlässlich der großen Michelangelo-Ausstellung auf. Und dann bei einem Sommerfest im Altenheim. Ich tauchte einfach auf und machte mich mir der Gruppenleiterin bekannt. Sie lud mich zum wöchentlichen Training ein. Und weil ich mich beim Tanzen von Haus aus nicht so dumm anstelle, durfte ich bleiben.

Dabei ist die Gruppe eine „förening“ – wenn man so will, ein schwedischer „Verein“. Mit dem Unterschied, das dieser nicht zwingend Mitgliedsbeiträge erhebt. Denn er wird vom Staat gefördert. Jede Gruppierung, die etwas zur sinnvollen Freizeitbeschäftigung, zur Kulturlandschaft, zur Bildung oder zur Meinungsvielfalt beiträgt, kann eine Förening werden. Wenn sie es schafft, einmal jährlich eine Vollversammlung samt Rechenschaftsbericht auf die Beine zu stellen, würdigt die Region das Ganze mit einem Zuschuss. Dieser mag bei großen Sportvereinen nicht wirklich ausreichen – bei Gratiosa mit ihren zehn, zwölf Mitgliedern langt es hin, um Tanzschuhe zu kaufen, Kostüme zu leihen und Fahrtkosten zu den Auftritten zu decken. Damit ist Schweden ein Paradies für Projekte – selbst wenn sie in der Nische stattfinden.

Nun soll es sogar möglich sein, dass eine „Dungeons & Dragons“-Rollenspiel-Gruppe zur „Förening“ wird – so habe ich es zumindest gehört. Und dann können sie sich die zwanzigseitigen Würfel auf Staatskosten kaufen. Vielleicht kann im nächsten Schritt sogar die „World-of-Warcraft“-Raidgruppe zur Förening werden – es ist nur noch keiner darauf gekommen, weil niemand denkt, dass dies als sinnvolle Freizeitbeschäftigung gilt. Ich muss mich mal im Föreningsrecht ein wenig umsehen – da geht bestimmt noch einiges…

Aber zunächst freue ich mich auf den nächsten Auftitt von Gratiosa – Ende August beim Mittelaltermarkt in Lödöse. Wenn ich das Repertoire von 26 Tänzen bis dahin intus habe, kann ich vielleicht sogar aktiv dabei sein. Dass die Tänze alle „vom Kontinent“ kommen – und nicht aus Schweden – stört mich dabei nicht im Geringsten. Im Gegenteil. Ich finde es schön, dass meine schwedischen „Vereinskollegen“ über den Tellerrand schauen – und zurück auf die Geschichte Europas. Das hat nichts von piefigem Heimatverein, sondern ist genau auf meiner Wellenlänge.

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Ein Gedanke zu “Tänze vom Kontinent

  1. Pingback: Gagliarda ist Lebensqualität | Nach Schweden

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