Arbeit ohne Ellenbogen?

Arbeitsplatz - am Göteborger Hafen

Nun arbeite ich schon fast zwei Wochen in meinem neuen Sommerjob – und was passiert? „Kommst zu nix!“ … Jedenfalls nicht zum Schreiben. Dabei sind die Gepflogenheiten in diesem schwedischen Unternehmen so interessant, dass man darüber einen Roman schreiben könnte. Oder vielmehr ein Sachbuch mit dem Titel: „Firmenkultur zum Scheibe abschneiden“ oder „Ratgeber für kuscheliges Arbeitsklima“. Denn das ist gewiss die Maxime dieser Firma, deren Namen ich hier nicht nennen will. Ob das nun typisch schwedisch ist, kann ich nicht sagen. Es ist jedenfalls ein himmelweiter Unterschied zu dem, was ich in Deutschland erlebt habe.

Gleich am zweiten Tag hatte ich die Gelegenheit an einer internen Mitarbeiter-Besprechung teilzunehmen – wobei in größtmöglicher Transparenz über strategische Pläne, Personalveränderungen und Abteilungszuständigkeiten informiert wurde. Dann ging es um das zweite Quartal – und um einige wichtige Projekte, die bis zum 30.6. abgeschlossen sein müssen. Ein kniffeliges Thema – denn unterschwellig wurde klar, dass man noch einen guten Schlag reinhauen müsste, um dieses Ziel zu schaffen. Nur… das sagte keiner so direkt.

„If you can’t say anything good, don’t say anything at all…“ – dieses Motto stand über dem, was in Deutschland ein waschechter Einlauf gewesen wäre. Statt also die Peitsche zu schwingen, betonte die (übrigens sehr mütterlich wirkende) Vorstandsvertreterin, dass ja alle sooo toll und so engagiert mitgewirkt haben, das Projekt soweit zu bringen. So toll! So weit! So engagiert! Toll! Super! Gaaaaanz weit gebracht… Toll!!! Die Redundanz – das wurde klar – war die indirekte Aufforderung noch eine Schippe „toll und super“ draufzulegen – damit man den Auftrag des Kunden auch rechtzeitig erfüllen kann. Denn sonst – das kam in einem Nebensatz – wäre das zweite Quartal im Eimer.

Ich hab gelächelt – über diese gewisse Vermeidung von Aufrichtigkeit, dieses Lavieren. Aber andererseits ist es schön, dass es zum guten Ton gehört zu loben – statt ständig Mitarbeiter runterzuputzen, wie es schließlich auch geht. Dass nicht die Mitarbeiter ausbaden müssen oder zu spüren bekommen, wenn dem Vorstand der Arsch auf Grundeis geht. Die hohen sozialen Standards gelten eben auch im Miteinander – und davon weicht man in Schweden nicht mal ab, wenn Aufträge auf der Kippe stehen.

Oder vielleicht doch?

Meine Abteilung ist ja nun ur-deutsch. Da gibt es Ossis und Wessis, türkisch-stämmige Berliner, lustige Rheinländer und kühle Nordlichter… Viele benehmen sich aber schwedischer als die Schweden: sind ausgezeichnete Teamworker, machen pünktlich Feierabend und im Sommer 4 Wochen frei und bestehen zweimal am Tag auf ihre Kaffee-Pause (=“Fika“. Hatte ich übrigens erwähnt, dass Kaffee frei ist – so oft und soviel man will?). Mir ist das persönlich alles viel zu viel: Ich muss nicht mit Leuten kuscheln, die ich in zwei Wochen vielleicht nie mehr wiedersehe und nach Feierabend gleich vergesse – aber natürlich läuft man so Gefahr, arrogant zu wirken. Jedenfalls ist im Arbeitsalltag alles – immer – auf das „Team“ zugeschnitten – und ich lernte bereits im Sprachkurs, dass das Soziale in Schweden ungemein wichtig ist.

Mit „Sozial“ meine ich nicht nur die Tatsache, dass eigens die Büroversteherin kommt, um nach der Privat-Tasse von Mitarbeiterin Rosi zu suchen (die im Urlaub war und danach ihre Tasse nicht mehr fand – weil sie ein Neuzugang gedankenlos in die Spülküche räumte *hust…). Sozial ist auch, wenn eine offentsichtlich lustlose und entsprechend langsame Jobberin die Statistik der gesamten deutschen  Abteilung in den Keller zieht – und keiner etwas zu ihr sagt. Dem Teamleader platzt innerlich der Kragen, aber in der täglichen Besprechung sagt er, wir müssten einander jetzt mehr unter die Arme greifen – „denn wir sind ein Team – und ich bin stolz, ein Mitglied dieses Teams zu sein!“

Das hat alles viel mit der berüchtigten „Political correctness“ zu tun, die in Schweden an der Tagesordnung ist. Vielleicht nicht immer echt, manchmal aufgesetzt – aber bei vielen Menschen auch einfach „intus“. Und so sehr ich Ehrlichkeit schätze – in der Arbeitswelt ist es völlig ok, eine Zeitlang im Team aufzugehen. Denn andersherum würde ich es auch nicht wollen. Wenn das Gegenteil hieße, auf einzelnen Leuten herumzuhacken, Ellenbogen auszufahren – dann kuschel ich doch lieber für acht Stunden und gehe danach entspannt nach Hause…

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2 Gedanken zu “Arbeit ohne Ellenbogen?

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