Frühstückstisch-Gedanken (1)

Wie wäre es mit einer neuen Rubrik: „Leserbriefe, die nie geschrieben wurden“? Seit ich hier wohne, lese ich jeden Morgen die „GP“ – Göteborg Posten – eine Tageszeitung mit lokalem Schwerpunkt, differenzierter Berichterstattung und tollen Fotos. GP macht einen wirklich guten Job. Und die Themen, die das Blatt aufgreift, zeigen mir in schöner Regelmäßigkeit, was läuft und wie die Schweden so ticken.

Göteborg Posten - Online-Ausgabe

Da gibt es jetzt zum Beispiel die Diskussion über „närproducerat mat“ – regional produzierte Lebensmittel. GP entdeckte, dass viele als „schwedisch“ ausgelobte Produkte Rohwaren aus aller Welt verwenden. Klassisches Beispiel: Das Hirschfilet aus Neuseeland in einem Paket, das mit Elchen und schwedischer Flagge verziert war. Suggeriert Rohwaren aus Norrland – kommt aber von der anderen Seite der Erde. Jedenfalls: Ein Aufschrei geht durch die Konsumentenwelt und ich frage mich – wie naiv muss man eigentlich sein?

Bei 80 Millionen Deutschen wird die Mär von „Lebensmitteln aus der Region“ schnell entzaubert – es ist einfach nicht genug regionales Futter verfügbar, um alle Mäuler satt zu kriegen. Bei 9 Millionen Schweden stelle ich mir das schon ein bisschen einfacher vor – allein, es will ja heute keiner mehr Bauer sein und in Bollebygd oder Kallebeck Fleisch und Gemüse für den lokalen Markt  produzieren. Wenn zu Mittsommar der Run auf Erdbeeren einsetzt, muss der Markt sich bald mit Ware aus Holland behelfen – aber alle, die noch Früchte „från Sverige“ abbekommen haben, halten sich für die besseren Konsumenten. Das ist verlogen, wenn man auf der anderen Seite Kokosmilch und Koriander kauft, um den Speiseplan um Thai-Food zu bereichern.

Meine Zeitung GP prangerte zu Recht die unklare Kennzeichnung der „lokalen“ Lebensmittel an. Es wurde nicht ersichtlich, dass der Schinken aus Dänemark stammt oder das Rind aus Argentinien. Aber auch da denke ich: Leute, stellt euch doch nicht so blöd an – oder denkt wenigstens zweimal nach. Wozu ist wohl das Marketing inzwischen zur Wissenschaft erhoben? Um Produkte schmackhaft zu machen, die man sonst nicht verkaufen würde oder die eigentlich keiner braucht. Werden die Werber und Verkäufer nicht in Zaum gehalten  – etwa durch Verpackungsrichtlinien und Kennzeichnungspflichten – so verkaufen sie uns irgendwann Scheiße als Gold.

Das Ganze ist nichts Neues. Man braucht sicht nur mal in der Gastronomie genauer umzusehen. Und in sich selber hineinzuhorchen: Denn wenn man wüsste, dass der „Krabbensalat Nordsee“ eine Reise durch ganz Europa hinter sich hat (in Harlesiel gefischt, in Marokko verarbeitet, in Frankfurt veredelt und gepackt), wäre das Genusserlebnis schnell dahin. Oder wie mein alter Vater, nicht ohne Bitterkeit, sagte: „Die Leute wollen beschissen werden!“

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s