„Livsnjutare“: der Genuss hat seinen Preis

Es klagen ja immer alle über die hohen Preise. Hier in Schweden sind viele Reisende – und Einwanderer – erst einmal schockiert, wenn sie sehen, wieviel teurer alles ist. Und natürlich muss man auch hier, nach einiger Zeit der Beobachtung, sagen: es ist alles relativ.

Aber ich verstehe schon, warum die Schweden etwa in Hamburg, in Spanien oder auf der griechischen Insel wahre Freudentänze aufführen, wenn sie Angebot und Preise für Lebens- und Genussmittel sehen. Und dann auch fleißig konsumieren – „denn so billig kommt man daheim garantiert nicht davon!“. Nein, wahrlich nicht – im Gegenteil.

Bild: Linnéterrassen

Hier in Göteborg scheint jetzt pausenlos die Sonne und die Abende sind lang, hell und mild. Und bei der höchsten Restaurant-Dichte ganz Skandinaviens ist es einfach zu verlockend, auf der Außenterrasse zu sitzen, im Eiskaffee zu rühren oder ein Weinchen zu trinken. Aber der Preis für das Genießertum ist hoch. Manchmal verdirbt er dem Bonvivant die gelöste Stimmung. Gestern waren wir zum Beispiel aus, um meinen neuen Job zu feiern. Neuer Job? Ja, aber dazu kommen wir später… Es war also Freitag abend und wir ergatterten frühe Plätze auf den „Linné-Terrassen“ – ein gut beschirmter „Uteserveringsplats“ mit Blick über das Viertel, die Kirche und die geschäftige Kreuzung. An der Bar und an langen Tischen kann man ausgiebig verweilen – und diese Gastronomen wissen das! Sofort hat man einen perlenden Rosé-Wein auf dem Tisch und die blonde Kellnerin empfiehlt das Fisch-Gratin des Hauses. Eine Jazz-Band spielt, der Wind weht sachte und es darf sogar geraucht werden. Neben uns sitzen junge und alte Freundeskreise, Kollegen beim After-Work oder Pärchen, die es sich ein wenig gut gehen lassen wollen. Genau wie wir auch.

Tut mir leid, aber meine Beschreibung der stimmungsvollen Szenerie wird nun durch ein schnödes Rechenexempel zerstört. Denn mein Rosé, der so süffig ist, dass es nicht bei einem bleibt, kostet 6 Euro pro Glas. Das Bier meines Freundes – immerhin ein halber Liter, wie er fast entschuldigend sagt – macht 6,60 Euro. Die beiden Mahlzeiten, – obschon ausgezeichnet zubereitet, so doch im Grunde nichts Besonderes, – summieren sich auf 35 Euro. Und ein kleines „Herrengedeck“ mit Trüffel, Kaffee und Likörchen am Schluss legt noch einmal 10 Euro auf die Rechnung oben drauf.

Ich schaue mich um und sehe, dass alle anderen Gäste nicht weniger bestellen als wir: Der Wein fließt in Strömen und um 22 Uhr ist das Fisch-Gratin aus. Unsere Sitznachbarn, zwei Damen Typ Bankkauffrau, gönnen sich nach Essen und Dessert je noch einen Cocktail – nachdem sie die Flasche Rotwein schon kopfüber in den Kühler gestellt haben. Das gepflegte Dinner auf den Linné-Terrassen ist für viele nur der Auftakt zu einer langen Nacht – und auch unsere Bankkauffrauen haben jetzt einen abenteuerlustigen Blick in ihren Augen.

Bild: Linnéterrassen

Ich schaue und rechne und denke so: Haben die alle einen neuen Job zu feiern? Oder verdienen die so gut, dass es für sie ein normaler Freitag ist. Gibt es unter der Woche zu Hause nur Falukorv mit Makkaroni oder leben die Schweden einfach hoffnungslos über ihre Verhältnisse? Nicht umsonst gibt es im TV Sendungen wie „Lyxfällan“, in denen Leute öffentlich aus der Schuldenfalle befreit werden. Das Angebot zum Konsumieren ist einfach zu groß und sehr geschickt inszeniert – und vielleicht ist das gar nicht mal schlecht für die Binnen-Nachfrage. Ich selbst kann das wohl alles erst beurteilen, wenn ich hier selber etwas verdiene. Wenn ich nicht nur Preise, sondern auch Einkünfte (nach Steuern), vergleichen kann.

Aber der „summer in the city“ hat gerade erst begonnen. Gut, dass ich einen Job gefunden habe, denn auf die „Linné-Terrassen“ würde ich schon gerne nochmal gehen. Ohne ständig auf den Preis zu schielen…

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