„Deklarationsdagen“

Hier war vielleicht was los! Am ersten Arbeitstag im Mai ist in Schweden „deklarationsdagen“ – der Tag, an dem alle ihre Steuererklärung abgeben müssen. Auch die Göteborger halten diese staatliche Deadline ein: pflichtschuldig, geduldig und überraschend gut gelaunt.

Foto: Scanpix / pengar24

Wenn der örtliche Fußballclub gerade mal 10.000 Göteborger in seinem Stadion versammelt, so schafft es das „Skatteverket“ (oder Finanzamt) an einem Tag alle Steuerpflichtigen der Stadt zu aktivieren: Östra Hamngatan 16 war am vergangenen Montag „the place to be!“ Dem erwarteten Menschenandrang wurde das Amt mit Öffnungszeiten von 8-20 Uhr gerecht. Und mit einer Sonderschicht aller Mitarbeiter.

In knall-gelben Westen waren die „Skatteverker“ schon von draußen zu erkennen – als „Einsammler“ der Waschzettel und als Ansprechpartner bei eventuellen Fragen. Weil sie in ihrem Dress schon aussahen wie Straßenfeger oder Parkwächter verwahrten sie die Steuererklärungen gleich in sauberen 240-Liter-Mülltonnen. Ihr einziges Werkzeug war der Tacker, mit dem sie die fliegenden Blätter bändigten, die ihnen die Passanten in die Hand drückten. Manche Leute benutzten auch Umschläge och Plastikhüllen, doch die waren in der Minderheit… Dieser unprätentiöse Umgang mit der Steuererklärung war mir aus dem Lande der heiligen Bürokratie doch völlig neu und fremd.  Später las ich, dass einige Gemeinden sogar einen Drive-In-Service am „deklarationsdagen“ eingerichtet haben: Da werden die Steuererklärungen durchs Autofenster an die Skattemitarbeiter gereicht – quasi im Vorbeifahren.

Bild: Västerbotten Kurier

Und das alles geschieht am ersten Arbeitstag im Mai. Obwohl es seit diesem Jahr die „e-deklaration“ über Internet und SMS gibt, zog es die meisten doch wieder persönlich aufs Amt. Und obwohl man die Steuererklärung auch früher abgeben kann, kamen natürlich alle auf den letzten Drücker. Liegt es nun daran, dass sie so gerne Schlange stehen oder dass sie in Behördensachen einfach etwas fauler sind? Für die zurückhaltenden Schweden, die sich insgeheim so nach ausgelassenen Großveranstaltungen sehnen, scheint der Deklarationsdagen eine Art Happening zu sein.

Was in Deutschland zu Beginn jeden Jahres schwelt und gärt – die leidige Steuererklärung an irgendeinem verregnetem Wochenende zu erledigen – ist in Schweden auf diesen einen Tag fixiert. Dabei ist es für den Normal-Angestellten pipi-leicht, die Vordrucke auszufüllen – oder so hab ich’s mir sagen lassen. Trotzdem – oder gerade deswegen – schieben es alle auf: bis man schließlich nicht mehr umhin kommt. Am „deklarationsdagen“!

Auch ich war an jenem Tag beim Skatteverket, doch mein Anliegen war ein völlig anderes. Und gerade deshalb gänzlich fehl am Platz! Ich wollte eine „ID-Kort“ beantragen – eine Art Ausweis mit Foto und Personennummer. Doch ich besann mich eines Besseren, als ich die Nummernzettel sah – und etwa 120 Leute vor mir in der Schlange warteten. Außerdem wollte ich die Geduld der steuerzahlenden Schweden nicht so sehr strapazieren. Vielleicht reicht die freundliche Stimmung auf dem Amt ja doch nicht soweit, wenn jemand vom Sinn und Zweck des Deklarationsdagens abweicht. Das Stirnrunzeln und Kopfschütteln habe ich schon bildlich vor mir gesehen – und schnell auf dem Absatz kehrt gemacht…

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