Stockholm oder Göteborg?

Das ist die Standardfrage in Schweden. Die Glaubens-, die Gewissensfrage:

„Stockholm oder Göteborg?“

Ob im Interview mit einem Promi oder bei Umfragen unter Normalos. Die Zeitungen fragen das allzu gern, meist am Ende des Artikels: „Stockholm oder Göteborg?“. Lustigerweise hat jeder sofort eine Meinung dazu.  Auch in Gesprächen merkt man schnell: Die Schweden legen sich in dieser Frage fest. Ziehen die eine Stadt der anderen vor. Warum, können sie manchmal gar nicht sagen. Aber wenn man sie des nachts weckt und fragt: „Stockholm oder Göteborg?“ bekommt man garantiert eine Antwort.

Das Ganze ist natürlich total subjektiv – und soll auch hier im Blog gern zu Meinungen anregen! Aber wie kommt das eigentlich? Diese Parteilichkeit – und die stille Konkurrenz zwischen zwei so unterschiedlichen Städten.

Ich habe eine Sprachlehrerin, die wirklich viel herumgekommen ist. Sie hat in Wien und Paris gelebt, wohnt nun seit vielen Jahren in Göteborg, aber in Stockholm war sie erst zweimal in ihrem ganzen langen Leben.  „Nette Stadt“, sagt sie zu Schwedens Hauptstadt. Aber mehr auch nicht. Ein Bekannter hingegen meint: „Nur in Stockholm kannst du was werden. Da musst du hin, wenn du Arbeit suchst.“ Göteborg ist zu klein für ihn – erst im großen Stockholm könne man richtige Stadtluft atmen.

Nun kommt es natürlich nicht nur auf die Größe an. Aber Stockholm rangiert in Sachen „Größe“ und vor allem „Bedeutung“ ganz oben – und gleichauf mit anderen Hauptstädten, wie Berlin, Paris, Madrid, London oder Warschau.  Verglichen damit ist Göteborg eher wie: Hamburg, Marseille, Barcelona, Liverpool, oder Danzig. Bei Google und im Reiseführer werden diese Städte als Zweites genannt – haben aber meist mehr Flair zu bieten als die gediegene, stolze und etablierte große Schwester. Denn die ist vor allem – und im Grunde „nur“ – Hauptstadt.

Man sieht, auch ich bin nicht unvoreingenommen…

Göteborg, das sind die „Goa gubbar“ – die guten Kerle. Stockholm, das sind die „Schicksen von Östermalm“. Während Erstere noch aus einer Zeit stammen, in der der Hafen wichtig war, haben die Zweiten ihre besten Tage gerade vor sich. Die smarten salesmen aus dem aufstrebenden Dienstleistungssektor gegen die Werft- und Volvo-Mitarbeiter. Da fragt man nicht nur, was wohl besser ist – da gibt auch die Antwort Auskunft über das Kind im Geiste. Vielleicht fragen die Zeitungen deshalb immer: „Stockholm oder Göteborg?“

Immerhin haben beide einen Skärgården draussen vor der Stadt – doch um die Gemeinsamkeiten geht es bei der Frage nicht. Und um Urlaub schon gar nicht…

Wenn zwei sich zanken, freut sich der Dritte – und das ist Malmö, das als „kaksig“ (frech) gilt und sich um den Streit der beiden „Großen“ nicht kümmert. Die 250000-Einwohner-Stadt liegt im geografischen Dreieck mit den anderen – und ist doch in allem, was es tut, viel näher an Kopenhagen und dem Kontinent. Also eigentlich gar nicht schwedisch. Vielmehr „skånisch“ – und das sagt schon alles… Doch wenn Stockholm oder Göteborg nicht aufpassen, stellt sich die Standard-Frage vielleicht bald  nicht mehr.

Stockholm, Göteborg und Malmö: Warum müssen sich die wenigen Schweden eigentlich so an drei Orten zusammenballen? Die Standardfrage müsste vielmehr lauten: „Stadt oder Land?“ – denn dort liegen die wahren Unterschiede. Und die  sind fast wie Tag und Nacht.

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2 Gedanken zu “Stockholm oder Göteborg?

  1. *lach* Värmland Värmland *aufzeig*

    Wenn man mich fragt, welche Stadt ich besuchen möchte, würde ich zuerst zum Metal Festival in Göteborg fahren un dann zum Sight Seeing nach Stockholm. Ich muss auch sagen, dass mir früher, bevor ich mich mit Schweden beschäftigt habe – die Stadt Göteborg früher etwas sagte, als Stockholm.

    Schön ists wos gefällt und auch dort wo man ist.

    Wenn ich Tag für Tag in Wien bin, fällt mir nichts auf. Grau in Grau, Hektik, Alltag, Arbeit … schnell schnell schnell … doch jetzt wo ich mich verabschiede … da schaue ich die lange Johnstraße hinunter und sehe das wundervolle Schloß Schönbrunn, mit den Hügeln und der „Gloriette“ da drauf. Auf einmal leuchtet Schloss Belvedere nachts viel heller und das unmöglich neue renovierte Museumsquartier, sieht auf einmal doch viel ansehnlicher aus. Die überfüllte Einkaufs-Mariahilferstraße ist auf einmal „kultig“ und das noch überfülltere Shopping Center am Stadtrand hat auf einmal alles was man begehrt, wo man früher nur über Parkplatzmangel geflucht hat.

    Stockholm oder Göteborg? Karlstad oder Wien? Immer das dem man sich zuwendet und gleichzeitig das von dem man sich wehmütig verabschiedet.

    Stockholm & Göteborg – die große Schwester kann sicher genauso weng ohne die kleine existieren wie umgekehrt.
    Karlstad & Wien – Hamburg & Göteborg …. Heimat …. man muss sie lieben, die alte und die Neue.

    Liebe Grüße
    Rädisa

  2. Schön geschrieben, Rädisa! Einen Anflug von Wehmut hatte ich das erste Mal, als ich Hamburg im TV sah. Eurosport 2 überträgt St. Pauli-Spiele, und zeigt dann so schöne Panoramen von der Schanze, dem Dom und dem Hafen… *hach!
    Schlimmes Heimweh hatte ich zum Glück noch nicht, selbst als ich zum ersten Mal nach dem Umzug wieder in D war. Schlimmer fühlte es sich an, als meine Eltern hier auf Besuch waren – und dann wieder wegfahren mussten….

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