Phasenweise…

Im Schwedischkurs gehen wir gerade ein höchst interessantes Thema durch: Die Herausforderung des Auswanderns und die verschiedenen Phasen, die man im neuen Land so durchmacht. Psychologisch Versierte wissen genau, was gemeint ist, doch meiner einer macht sich mit solchen Kategorien lieber nicht verrückt. Dennoch bezeichnen die Phasen sehr gut, was ich jetzt, 7 Wochen nach meinem Umzug, so wahrnehme, denke, fühle. Oder: wie ich auf die Eigenarten meiner neuen Heimat und seiner Bewohner reagiere.

Laut unseres Lehrbuches gibt es zunächst die –

Touristenphase:

In der Touristenphase ist der Einwanderer noch sehr aufgeschlossen, nimmt alle Eindrücke begeistert auf und zeigt sich tolerant gegenüber Eigenarten und Unterschieden. Tatsächlich ist alles Neue und Fremde höchst willkommen, weil spannend und interessant. Im Grunde findet man also alles „super“, was sich in der neuen Heimat so zeigt. Seine Einstellung zum fremden Land reicht von wohlwollend bis unkritisch – insbesondere verschließt er gern die Augen vor negativen Eigenschaften und Zuständen, die ihn später vielleicht einmal unheimlich nerven…

Ich erkenne mich wieder und sehe, dass ich vielfach noch in der Touristenphase stecke – und sicher noch lange bleibe. So habe ich mich spontan verliebt in die Kaffeepause, die in Schweden an der Tagesordnung ist. Die „Kafferast“ oder „Fika“ wird hier zelebriert und gibt dem Alltag, mit entsprechenden Leckereien und gutem Kaffee, eine kleine Goldkante. Die ich bestimmt nicht mehr missen will! Mit den Augen eines Touristen gehe ich auch noch oft durch die Straßen von Göteborg. Denn ist es etwa nicht schön, dass in der dunklen Jahreszeit viele Restaurants und Geschäfte außen mit Laternen und Windlichtern locken? Und nach wie vor ist es begeisternd, dass man da draußen eigentlich nur junge Leute sieht, die ausgehen und Spaß haben. Erst vor ein paar Tagen tauchte die Frage auf: Wo sind eigentlich die Alten? Antwort: die gehen bloß nicht raus, weil die Trottoirs vereist und unbegehbar sind. Das muss einem Touristen natürlich erstmal klar werden…

In einem nächsten Schritt kommt man in die

Schockphase:

Der Einwanderer, hat er sich erstmal niedergelassen, muss sich nun im Alltag zurecht finden. Er stößt auf mehr und mehr Hürden und Unterschiede, die tief in den Kulturen verwurzelt sind. Was „zu Hause“ so selbstverständlich und einfach war, ist im neuen Land plötzlich ganz anders. Er vermisst liebe, alte Gewohnheiten und will gleichzeitig am liebsten rebellieren gegen die Zumutungen, die das neue Land ihm aufdrückt.

„Been there, done that…“ Dieses ohnmächtige Gefühl habe ich jedes Mal, wenn ich an meine liebe, alte Gewohnheit des Autofahrens denke. Nun ist Göteborg ganz und gar fußläufig zu meistern, aber dafür eine politisch gewollte Zumutung für Autofahrer. Es gibt keinen einzigen kostenlosen Parkplatz, nirgends! Nachdem man also seinen Großeinkauf oder das Ikea-Regal reingetragen hat, muss man das Auto aus der leergefegten Wohnstrasse herausfahren – auf einen gebührenpflichtigen Parkplatz, 500 Meter entfernt. Ansonsten rauschen sofort die Kontroll-Geier heran und lassen dich finanziell bluten: zwischen 600 und 800 Kronen per Ticket.

Dass ich in bereits in meiner „Touristenphase“ drei Strafzettel erhalten habe, zeigt, wie verwöhnt ich in Hamburg war. Laternenparker par excellence – und hinter jedem Einkaufszentrum gibts ein Wohngebiet, in das man seine Karre stellen kann… Aber hier? Nunja, ich schweife ab… hier steht mein Auto auf einem Parkplatz in Frölunda, der kostet „nur“ 125 Kronen im Monat.

Wenn mit der Auswanderei alles ein gutes Ende nimmt, kommt nach dem Schock die

Anpassungsphase:

Da man kein ganzes Volk ändern kann, passt sich das Individuum an die Masse an. Was bleibt ihm auch anderes übrig? In der Anpassungsphase hinterfragt man seine eigenen Werte und sieht ein, dass man vielleicht doch nicht mit allem „Recht“ hat. Und dass die Gewohnheiten im neuen Land eben auch ihr Gutes haben. Es gibt weniger Missverständnisse, weil man mehr über das neue Land gelernt hat, und der Umgang miteinander ist weniger argwöhnisch und verkrampft.

Viele kleine Schocks habe ich bereits erlitten – und überwunden. So war es für mich noch vor einem halben Jahr unmöglich, bei Rot über die Straße zu gehen – aber das machen alle hier, und zwar ständig. Es ist schließlich so fußgängerfreundlich! Es war auch ein Problem, dass ich alle meine deutschen Kissenbezüge kürzen musste (wollte ich sie nicht samt Garnitur wegschmeißen), denn in Schweden sind die Kissen nicht 80×80, sondern 40×60. Man will schließlich kein labbriges Tuch am Ohr haben, sondern ein pralles Kissen unter dem Kopf…

Natürlich kann man auch Eigenheiten aus der Heimat beibehalten – das gibt die Würze und Exotik, die man als Ausländer nunmal verströmt. Wäre ja sonst auch langweilig… Und so boykottiere ich  fortan die schwedischen Buttermesser aus Holz, auch wenn Generationen von Schülern diese immer wieder nachproduzieren – im Werkunterricht. Nein, ich benutze ein normales Messer, damit lässt sich kalte Butter immer noch am besten streichen. Ich glaube auch nicht, dass ich Weihnachtsgardinen aufhängen werde, so wie es die schwedischen Hausfrauen im Deko-Wahn gerne tun. Und mein Schwarzbrot kaufe ich konsequent bei Lidl.

Was also die Wahrnehmung im Ausland angeht, hat unser Lehrbuch anscheinend recht… Ansonsten finde ich die Unterschiede zwischen Schweden und Deutschen aber marginal. Persönliche Defizite von einigen Individuen sollte man ohnehin nicht auf das ganze Volk projizieren. Und in einem so großen Land kann man kaum von „den Schweden“ sprechen. Das wäre ja beinahe so, wie Bayern mit Ostfriesen zu vergleichen. Da sind die Göteborger schon eher den Hamburgern ähnlich. Auch deshalb fühle ich mich hier so wohl…

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Ein Gedanke zu “Phasenweise…

  1. Finde ich total interessant diese Phasen – vielen Dank fürs abtippen. Ich glaube ich bin zumindest beim letzten Besuch gleich zur Schockphase gesprungen *g*

    Ich habe jetzt deinen BLOG in meinem verlinkt *winkedel*

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