Bizz-Talk

Also, jetzt muss ich mal polemisieren. Da ich nun regelmäßig Stellenbörsen durchforste, fallen mir ganz komische Sachen auf. Die mich nachdenklich machen. Ich nenne es mal „Heiteres Berufe-Branding“, eine maßlose Übertreibung und Schönfärberei von Stellen, Titeln und Funktionen. „Berufe raten“ muss man dabei auch, denn was eigentlich hinter den funkelnden Bezeichnungen steht, wird einem erst im Zusammenhang klar, wenn überhaupt.

Ich spreche gar nicht mal von englischen Berufsbezeichnungen – daran haben wir uns mittlerweile gewöhnt und zur Genüge darüber gelästert.

Es geht vielmehr um die unglaublich kreative Benamsung von mehr oder weniger banalen Tätigkeiten. Sie sollen den Bewerber blenden und die Konkurrenz so richtig alt aussehen lassen – schließlich ist ein „beigeordneter Einheitsverantwortlicher“ viel interessanter als ein simpler „Assistent“. Jeder Marketingmensch weiß: erst mit dem richtigen Namen wertet man ein Produkt auf. Oder das Image von Diensten, die es schon immer gegeben hat. Manchmal wird aber auch etwas Neues erfunden – und dann gehypt und vermarktet wie ein brandneues I-phone. Meist handelt es sich dabei um administrative Tätigkeiten, die um Konzeptarbeit und innovative Firmenstrategien herumwabern.

Zum Beispiel der „Arbeitsklimaingenieur“. Es wird nicht sofort klar, was von ihm erwartet wird. Statt eines technischen Profils muss er vielmehr Menschenverstand mitbringen. Ein Job in der Personalabteilung, vermutlich. Kümmert sich um das Betriebsklima, vielleicht eine Art hauptamtlicher Betriebsrat? Doch da er nunmal als „Ingenieur“ bezeichnet wird, muss er auch technisch präzise vorgehen, strukturiert, zielführend. Keine soziale Labertasche, sondern ein Personaler, der mit der Bauzeichnung aus der Chefetage zackig durch die Flure geht.

Ähnlich ominös scheint mir die Bezeichnung „Interaktionsdesigner“ zu sein. Hier handelte es sich bei näherem Hinsehen tatsächlich um einen technischen Beruf, nämlich ein IT-Spezi, der das User-Interface einer Homepage bauen sollte. Und während die „Schnittstelle“ sich als stinknormale Sekretärin herausstellte, gab der „Studienwegweiser“ mir eine geradezu bildliche Vorstellung vom fraglichen Beruf.

Hoffentlich haben die Bewerber und Arbeitgeber auch eine Ahnung von dem, was sie da tun. Was wird aus den Konzepten, die man sich am runden Tisch erdacht hat und mit einer neuen Stelle auszufüllen gedenkt? Ich frage mich manchmal, was ein „Arbeitsklimaingenieur“ so macht, wenn er endlich eingestellt ist und den ersten Tag am Schreibtisch sitzt. Der blendende „Markenname“ verblasst schnell, wenn letztlich alle nur mit Wasser kochen.

Aber das ist sicher kein rein schwedisches Phänomen. Was hingegen typisch schwedisch ist, finde ich auch in der Stellenbörse – zuhauf! Und das ist das „Sommervikariat“. Zeitlich begrenzte Arbeitsplätze in allen Branchen und Qualifikationen – weil im schwedischen Sommer das wirtschaftliche Leben sonst stillstehen würde. Die fest Angestellten gehen zwei Monate lang in Urlaub und verlassen sich drauf, dass schon irgendein top-ausgebildeter Arbeitsloser, Zeitarbeiter, Freelancer ihren Job machen kann. Ist das nicht ein wenig vermessen? Tatsächlich wird – in den Stellenanzeigen – von diesen armen Springern genau das erwartet (und zwar zu 100 %), was der Festangestellte tut (mit halber Hand, weil urlaubsreif). Man braucht dieselbe Ausbildung, dieselbe langjährige Erfahrung, sofortige Bereitschaft und Passgenauigkeit, denn für lange Einarbeitung ist ja keine Zeit.

Ob das System funktioniert, ob diese Erwartungen im Normalfall erfüllt werden? – ich weiß es nicht. Warum sollen sich Leute auf die Sommervertretung bewerben, wenn sie so gut sind, um den ganzen Job gleich selbst zu machen? Jedenfalls habe ich noch nie gehört, dass der Reisende sich Sorgen um seinen Arbeitsplatz machen muss, weil die Vertretung so gut ist. Aus der Arbeitslosen-Perspektive wäre das zwar ein echter Triumph… aber in Schweden ist das, soweit ich weiß, überhaupt nicht möglich. Somit könnte man diese Sommerjobs auch einfach boykottieren. Und Urlaub machen.

End of rant…

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2 Gedanken zu “Bizz-Talk

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