Familie intenational

Viele Leute fragen mich, ob es nicht schwer fällt, Familie und Freunde in Deutschland zurückzulassen. Die räumliche Trennung von den Lieben und Besten ist für viele Auswanderwillige der einzige Grund, es doch nicht zu tun. Ein guter Grund, wie ich finde, und man muss entweder verzweifelt, kaltblütig oder völlig unbekümmert sein, wenn einen diese Frage nicht berührt.

Doch in meiner Familie ist der Ruf der Ferne kein neues Phänomen und die Ausreise kein Anlass für große Gewissensbisse. Selbst meine fürsorgliche Mutter konnte wenig gegen meine Pläne sagen – hatte sie doch selbst vor 40 Jahren ihr Heimatland für meinen Vater verlassen. Die mütterliche Linie war ohnehin recht beweglich, gerazu wagemutig für ihre Zeit… So ging die Großmutter von Kiel nach Reykjavik, die Urgroßmutter von Zürich nach Kiel, eine noch frühere Ahnin von Italien in die Schweiz. Der Zug nach Norden ist eindeutig, wie man sieht. Aber es geht auch andersherum: Vielleicht weil man von Island nicht viel weiter nördlich gehen kann, zog meine Tante nach Frankfurt, mein Cousin nach Frankreich, zahlreiche Freunde meiner Mutter nach Dänemark und Schweden.

Wir kennen eine Isländerin, die ist Bäuerin an der Südküste. Ihr frei stehendes Gehöft am Meer ist wohl der schönste aber auch einsamste Flecken, den ich je gesehen habe. Und nur wer mit sich selbst zufrieden ist und niemand anderen braucht, ist hier gut aufgehoben. Lange Zeit lebte diese isländische Familie allein und friedlich zusammen. Doch nach und nach zogen die vier Kinder fort, denn zugegeben: für das Jungvolk sind die Perspektiven dort nicht gerade vielfältig. Früher konnte man nicht anders als den Spuren der Eltern folgen, aber heute hat man den Vergleich: Universitäten, Arbeitsplätze, andere Menschen, andere Sitten finden sich nun einmal in den Städten – und nach 20 Jahren Bauernhof möchte man vielleicht auch mal etwas anderes sehen.

Und sie können es, man lässt sie gehen. Die Bäuerin ist moderner als mancher Großstädter – denn sie hält ihre Kinder nicht aus egoistischen Gründen mit den starken Gefühlsbanden der „Sippe“. Stattdessen folgt sie ihnen in alle Himmelsrichtungen, wenn es eine Hochzeit gibt, eine Taufe oder ein Geburtstagstreffen. Und das kommt bei vier Kindern ganz schön häufig vor…
Jedenfalls hat dieses Beispiel meinen Eltern ein großes Stück Wehmut genommen. Auch wenn sie sich noch mit dem Gedanken anfreunden müssen, dass ich nicht mehr jeden zweiten Sonntag bei ihnen am Esstisch sitze.

Doch auch andersherum steckt ein Kloß im Hals, wabert ein Gedanke durch den Hinterkopf. Nämlich: Wenn den Alten etwas passiert, bin ich nicht da, um zu helfen. Ich denke, hier sollte ich einfach vorbereitet sein, einen 24-Stunden-Plan aufstellen: „Was tun, wenn…“ 600 Kilometer sind schnell überwunden, es geht ein Flugzeug einmal pro Tag – und dann sind immer auch Nachbarn, Familie und Freunde da, die noch schneller sein können als ich. Aber, aber… aber. Erst mit dem Umzug nach Schweden wird mir bewusst, was alles passieren könnte. Nicht mit mir, sondern mit denen, die zurückbleiben.

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Ein Gedanke zu “Familie intenational

  1. Du sprichst mir tief aus der Seele – ich habe auch eine Großmutter im Pflegeheim, eine kranke Mutter, einen Vater der zuviel arbeitet. Was ist man ohne Familie? Aber was ist man nur mit Familie und ohne die große Liebe? Meine Eltern haben es nicht so gut aufgenommen, aber ich denke auch, dass sie es besser verstehen als andere. Sie waren mein großes Beispiel, mein Vater kam von einem anderen Kontinent im Süden und wurde Europäer, er lebt heute über 30 Jahre hier – meine Mutter hingegen hegt seit ihrer Pensionierung genau umgekehrte Pläne und plant eventuell in den Süden zu ziehen. Im Endeffekt sind wir so, wie wir erzogen werden und somit stehen uns als Kinder von mutigen Freigeistern alle Wege offen. Klar wird es schwer, klar wird man vielleicht auf den Popo fallen … aber was kann schlimmeres passieren als das man sich wieder aufrafft und weitermarschiert?

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